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Statuen in Fahrt, hier: Betty Tchomanga.

Frankfurt LAB

Statuen am Rande des Nervenzusammenbruchs

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"Of Ivory and Flesh ? Statues Also Suffer": Ein so groteskes wie präzises Tanzspektakel von Marlene Monteiro Freitas in Frankfurt.

Vielleicht ist es an den äußersten Rändern der Tanzwelt sogar leichter, einen eigenen, eigenwilligen Weg zu gehen. Vielleicht hat man eine leere Tafel vor sich, die man dann ohne Rücksicht auf einen Lehrer oder einen vorherrschenden Geschmack be-schreiben kann. Das jedenfalls tut offensichtlich die Tänzerin und Choreografin Marlene Monteiro Freitas, die auf den zu Afrika gehörenden Kapverdischen Inseln nicht nur aufgewachsen ist und zu tanzen begann, sondern auch die Gruppe Compass mitgegründet hat. Hierzulande ist sie unbedingt zu entdecken. In Frankfurt war das nun dank des Sommerprogramms der Hollins University und des Mousonturms möglich, im Frankfurt LAB war Monteiro Freitas’ anderthalbstündiges „Of Ivory and Flesh – Statues Also Suffer“ zu sehen.

„Von Elfenbein und Fleisch – Auch Statuen leiden“: Um Ovids Pygmalion-Geschichte geht es wohl, um den Bildhauer, der weißem Elfenbein eine herrliche Form gibt, „mit der keine Frau geboren werden kann“. So verliebt er sich in sein Werk.

Aber das würde man ohne Programmzettel in diesem Tanzstück nicht unbedingt wahrnehmen. Denn Marlene Monteiro Freitas lässt eigentlich jeden ihrer Darsteller – und sich selbst, denn sie tanzt mit – die belebte Statue geben. Freilich keine restlos menschlich gewordene Statue, denn roboterartig, eckig, abrupt sind die Bewegungen. Die vier Tänzer (Marlene Monteiro Freitas, Andreas Merk, Betty Tchomanga, Lander Patrick) fletschen die Zähne, rollen die Augen, zeigen das Weiße darin, schielen, schneiden Fratzen, zucken und ruckeln, pantomimen eine Puppen-Maschine. Sie wirken einerseits hochartifiziell, in jeder Sekunde präzise; andererseits wie restlos überkandidelte Karnevalsbesucher.

Die Akteure laufen wie die Affen

Ein groteskes, schrilles, lautes Spektakel ist „Of Ivory and Flesh“. Mal fühlt man sich an kriegerischen Maori-Tanz erinnert, mal an Bilder indischer Gottheiten. Die Akteure laufen wie die Affen. Sie rauchen eine imaginäre Zigarette, sie schaufeln sich imaginäres Essen rein. Beides, als liefen alle ihre Gelenke auf Zahnrädchen. Sie tragen tiefblaue Brustpanzer und Hosen, ihre Unterschenkel sind schwarz, ihr Hals ist weiß bemalt. Gegen Ende färbt Monteiro Freitas ihre Finger rot und formt schnabelartige Lippen daraus, zwischen denen sie hervorgreint. Gegen Ende schieben sich die Darsteller Kunststoffringe in den Mund und sehen aus wie rassistische Karikaturen schwarzer Menschen (die Kapverden spielten im Sklavenhandel eine wichtige Rolle). Das ist auch ein Stück, das irritiert und beunruhigt.

„Of Ivory and Flesh“ startet zu rhythmischen Schlägen aus dem Off, die Tänzer plus drei Percussionisten umrunden eine Plattform im Bademantel-Outfit von Boxern. Das Percussion-Trio ist durchweg mit-choreografiert, keineswegs schwingen sie ihre Becken irgendwie. Neben dem Live-Wumms gibt es Beats des Syrers Omar Souleyman, ein bisschen Tschaikowsky-„Nussknacker“ (und als Zugabe singt das Tänzer-Quartett „Fix You“ von Coldplay). In der Hitze der LAB-Halle verausgabt man sich völlig. Die Boxer-Bademäntel waren passend, denn das Ensemble tritt zum Kampf an, bei dem bald der Schweiß tropft, die Farbe verschmiert – aber die Intensität der Performance nicht nachlässt.

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