Szene aus „The Circle“ von Daniel Myers.  
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Szene aus „The Circle“ von Daniel Myers.  

Hessisches Staatsballett

„Startbahn“ in Wiesbaden: Krisenüberwinder tanzen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Ensemble des Hessischen Staatsballetts zeigt eigene Arbeiten und ist dabei pfiffig im Umgang mit den Abstandsregeln.

Wer sich jetzt noch wundert, dass zwei Abende mit den Tänzerinnen und Tänzern des Hessischen Staatsballetts als „Dis-Tanz“ beschrieben sind, hat die vergangenen Monate auf einem glücklicheren Planeten verbracht. Dort waren die Akteurinnen und Akteure nicht, die waren brav zu Hause, höchstens noch auf Abstand im Probenraum. Das ist dem Doppelabend „Startbahn“ mit Choreografien der Ballettmitglieder einerseits natürlich anzusehen, andererseits staunt man doch, was alles zu leisten war. Was an Choreografie und ziemlicher Fülle geleistet wurde, ohne dass sich bis zu sechs Akteure zu nahe kommen. Geschmeidig flutscht man aneinander vorbei. Und wo sich, im Trio „The Circle“ von Daniel Myers, zwei Tänzer, oh Schreck, berühren, recht kräftig anfassen, wo sie die Köpfe zusammenstecken, da teilen sie sich im Leben eine Wohnung.

Ein Dutzend Arbeiten hat das Ensemble zusammenbekommen, die Dauer der Choreografien liegt zwischen 3 und 18 Minuten, viele Besetzungen sind für Corona-Verhältnisse erfreulich üppig. Erfreulich, denn obwohl es seit 1997 sogar ein Solo-Tanz-Festival (in Stuttgart) gibt, wäre es eine Herausforderung, zwei Abende lang nur Soli anzusehen. Zur weiteren Auflockerung hat das Staatsballett, haben die Ensemblemitglieder Filmchen gedreht; raffiniert geschnitten laufen sie zwischen den Stücken. Dort tanzen Äste, Wellen, Wolken, Eichhörnchen, dort streckt einer seine Hand scheinbar ins nächste Stockwerk. Man hat sich selbst und immer wieder die Natur gefilmt, aber zum Thema Bewegung auch den im Espressokännchen hochsprudelnden Kaffee. Man hat sich gegenseitig per Video Zungenbrecher-Aufgaben in den verschiedensten Sprachen gestellt, um auch die Zungen zum Tanzen zu bringen. Und lacht sich kaputt zum Beispiel über die Mühe mit „How much wood would a woodchuck chuck if a woodchuck could chuck wood?“ Und das strategisch verteilte Publikum im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters lacht mit.

Die Wiesbadener haben, im Großen Haus, schon die erste Schauspiel-Premiere weit und breit vorgelegt (FR vom 6. Juni), jetzt also auch noch einen Doppelabend mit Tanz. Chapeau. Und so wenig das ausgereifte Werke sind – wie sollten es auch, bei diesen Beschränkungen? –, so einfallsreich, munter, in kurzer Zeit intensiv sind sie doch.

Mit einem intrikaten, stimmungsvollen Solo beginnt Isidora Markovic „Startbahn I“. Danach fädelt Masayoshi Katori sechs Tänzer kunstvoll und etwas gravitätisch aneinander vorbei. Ramon John kleidet fünf seiner Kolleginnen und Kollegen in Rot, offensiv und gleichzeitig leichtfüßig ist seine Choreografie „Deep art, yours …“. Eher keine tiefe Kunst, aber ein Vergnügen. Daniel Myers hat dann das einzige Stück mit Berührungen choreografiert, die drei Darsteller von „The Circle“ sind nicht nur schräg angezogen im Schottenkaro-Rock, sondern scheinen auch bei Monty Pythons „Ministry of Silly Walks“ mitmachen zu wollen. Ezra Rudakova schließlich beendet den Abend mit einer stillen Arbeit über Naturzerstörung. Drei Darsteller schichten kahle Äste, übergießen sie mit Wasser, lassen zuletzt Steine fallen. Eine Stimme erzählt die Geschichte von dem Mann, der den einzigen Baum fällt, der ihm mit seinen Früchten regelmäßig ein Einkommen verschafft.

Die zweite „Startbahn“ beginnt mit drei Duos – choreografiert von Alessio Damiani, Rita Winder, Meilyn Kennedy –, die die Abstandsbeschränkungen pfiffig zu nutzen und variieren wissen. Damianis „Mask 1522“ (ein Code, mit dem in Italien misshandelte Frauen Hilfe suchen können) macht ein hauchdünne Plastikfolie zur Brautschleppe wie zur Fessel. Rita Winders „Threshold“ bindet sie mit einem Seil an ihren Tanzpartner, kräftemessend auf Abstand. Kennedys „Two, This“ ist ein verspieltes, hell gestimmtes Unisono mit gezielten Brechungen. Darin ähnlich Gaetano Vestris Terranas Trio „Courante“, reiner, beschwingter Tanz.

Erst am Ende wird Marcos Novais’ „Bento de Almeida“, das Porträt eines unglücklich verliebten Mannes, zum Duo. Die Angebetete bleibt distanziert. Eigentlich erzählt auch „Narcissus“ von Ludmila Komkova vom Anbeten - sich selbst. Und Greta Dato umgekehrt vom Gefallenwollen eines sich fußflink abrackernden Charleston-Girls. Herzlicher Applaus zuletzt für alle tanzenden Corona-Krisenüberwinder.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: „Startbahn I“ 20. Juni, „Startbahn II“ 13., 21. Juni. www.staatstheater-wiesbaden.de

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