+
„Stadt Land Fluss“: Suchen, finden. 

Theater

„Stadt Land Fluss“ im Mousonturm: Rotieren und schattenboxen

  • schließen

Die Produktion „Stadt Land Fluss“ im Frankfurter Mousonturm.

Sechzig Minuten dauerte der „Fluss“-Teil von „Stadt Land Fluss“ im Mousonturm-Studio 1, siebzig der „Stadt“-Part im Saal – beides am selben Abend. Erst das dritte, das „Land“-Fenster soll am Wochenende fünf stressfreie Wiesenstunden im Theater beanspruchen. Der Obertitel „Stadt Land Fluss“, in Anspielung auf das bekannte Gesellschaftsspiel, ließe Luft für neue Stücke über Städte, Flüsse und Länder, nachdem der Grenzfluss Evros / Hébros, das Container-Flüchtlingsdorf und die Wiese abgearbeitet sind. Natürlich ist der Titel aber nur ein Eyecatcher. Gesellschaft spielt indes hinein, sei es in den Themen Grenze, Flüchtlinge, Stadtraum, sei es, weil Kötter/Seidl in ihrer intellektuell-experimentellen Art über die gefährdete Schutzfunktion der Gesellschaft nachdenken. Wo sich schon Präsidenten als Abrissbirne für den Gesellschaftsvertrag gerieren, wird das plausibel.

Funktionell-schöne Soundscapes machen Musiktheater daraus. Ebenso prägend sind die technologische Zurüstung, der Umgang mit dem Raum und Bildern, endlich die figürliche Indirektheit der Bedeutungen. In „Fluss“ sitzt der Zuschauer auf einem Drehsessel, trägt eine Virtual-Reality-Brille und erlebt vom imaginären Punkt der 3D-Kamera eine Naturszenerie in 3D. Während er real im Studioraum rotiert und schattenboxt, hat er – ein unsichtbar schwebender Ich-Punkt am Flussufer – das Flusslandschafts-Panorama um sich. Der Evros: ein winterliches Flüsschen, das Flussufer mit kleinen Gehölzen, ein breiter Baumstumpf, Sand oder Schnee. Eine Holzhütte und Drahtrollen für Zaunpfähle machen eine Kulturlandschaft daraus: Grenz- und Niemandsland. Ein Schäferhund umkreist das Areal; die Hütte fängt Feuer und brennt nieder.

Wie der Hund den Grenz- und Wachhund in sich trägt und auch den Höllenhund Kerberos, mit dem der mythische Sänger Orpheus es zu tun bekam, als er Eurydike aus der Unterwelt holen wollte, ist der Evros sowohl der Fluss, auf dem des Orpheus singender, abgetrennter Kopf in die Ägäis und nach Lesbos trieb, als auch, in „anagogisch“ höherer Lesart, der griechisch-türkische Grenzfluss.

Ein Fluchtweg also, der 2010 41 Menschen wie Orpheus tot im Wasser treiben sah, bevor ein Zaun den Ausweg verödete. Menschenstimmen gibt es hier nicht mehr, doch umpfeift uns der Wind wie der Nordwind Homers. Menschen, Tiere, Götter, den Kerberos und Steine besänftigte Orpheus; Grenzregime nicht.

„Stadt“ war bereits vor zwei Jahren im Mousonturm zu erleben. Ein hinreißendes Stück auch dies, das die auf kleinen Monitoren sichtbare Stadtbrache mit Containerdorf zum Live-Abrissprojekt macht: Stellwände aus Pappe und Aluminium werden schraubendrehend abgebaut, aufgebockt. Beim zweiten Erleben fasziniert das multi-musikalische Spiel vom „Innenklavier“ zum Sound-DJ durch die „sonischen Infrastrukturen“ der Stadt, denn Näherung und Entfernung der Zuschauer mit ihren Kopfhörern speziell für elektromagnetische Schwingungen präsentieren unter dem Dach der Kabel eine Fülle von Stadt, die zur Leere an den Grenzen unbehaglich kontrastiert.

Mousonturm Frankfurt:  Mehr „Fluss“ und am Wochenende auch „Land“ bis 18. Januar. www.mousonturm.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion