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Gerne probiert man einmal eine coole Maske.

Staatstheater Darmstadt

Gutes tun und Angst haben

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Lauf und bring uns dein nacktes Leben“: Rainer Merkels Stück über eine Hilfsorganisation im Staatstheater Darmstadt.

Sieht man davon ab, dass die massiven Kopfhörer der Brillenträgerin bald erhebliches Unbehagen bereiteten, weil sie die Bügel gegen Kopf und Ohrmuscheln drückten, haben doch das Staatstheater Darmstadt und der Regisseur David Stöhr den Beschränkungen ein Schnippchen geschlagen: Indem sie teils das Foyer bespielen ließen, teils die Kammerspiele, jeweils auch eine Leinwand aufbauten und übertrugen, so dass das Publikum oben und unten alles mitbekam. Teils leibhaftig, teils im Live-Video. Die Kameras wurden von den Mit-Schauspielern bedient.

Das Foyer, wo die Berichterstatterin saß, konnte man sich ohne große Mühe als Abflughalle vorstellen. Wo Ernest Allan Hausmann sogleich zur Flughafen-Angestellten Rachel wurde, Thorsten Loeb als derangierter, ein bisschen tüddeliger Vorstandsvorsitzender einer NGO herumschlich (aber Achtung, da unterschätzte man ihn, Reno), wo schließlich Murat Seven den jungen NGO-Mitarbeiter Max gab, der Reno abholen soll und nervös ist, weil Geschäftsführer Edgar ihm viele Anweisungen gegeben hat – besonders im Hinblick darauf, was er Reno keinesfalls sagen soll.

Dieser baggert erstmal Rachel an, „gut, Ihre Haut ist nicht so perfekt“, sagt er, kann sich aber auch vorstellen, dass sie sich mal eben ein Zimmer nehmen. Rachel kann sich das nicht vorstellen. Beim Boarding kennt er sie nicht mehr.

Über eine fiktive Organisation namens „Everyday Gandhi“ und ihr weißes, wohlmeinendes, aber irgendwie auch herablassendes und rassistisches Personal hat der Kölner Autor Rainer Merkel geschrieben: „Lauf und bring uns dein nacktes Leben“. Dies der Slogan-Vorschlag für eine Werbekampagne. Dazu Bilder des jungen, gutaussehenden Jeffrey, der aber eigentlich kein Kindersoldat war, der trotzdem jemanden umgebracht hat, oder beteiligt war, als jemand umgebracht wurde, am Strand, ein Minister, der jedenfalls einen Stein nach NGO-Mitarbeiterin Conny (Ulrike Fischer) geschmissen hat. Oder vielleicht doch keinen Stein geschmissen hat.

Die Realitätsnähe der Merkelschen Dialoge wird gerühmt. Wenn man in einer Abflughalle oder anderswo lauschte, könnte man in der Tat solche Sätze hören, Sätze wie „ihr seid junge Dinger, die auch ihren Spaß haben wollen“, Sätze über die zu spärliche Poolbeleuchtung oder die „scheiß Chinesen“. Man möchte Gutes tun und sich gut fühlen, man erwartet dafür Dankbarkeit – und ein bisschen Demut von den Afrikanern. Stöhr lässt Hausmann, der ostfriesische wie ghanaische Wurzeln hat, mal in diese, mal in jene Rolle schlüpfen: Es dreht die Dinge, ändert die Wahrnehmung.

Die Security soll gefälligst ihre Arbeit tun in diesem fremden, dunklen Land. Die Kammerspiele sind symbolisch zur Gated Community geworden (Bühne: Sarah Sassen), in die sich die Helfer zurückziehen, damit sie bloß nicht zu viel Kontakt mit den Einheimischen haben, schon gar nicht mit den Traumatisierten. Ob man nach Kissi fährt, wo es einen Ebola-Ausbruch geben soll, aber auch ein tolles „Everyday Gandhi“-Projekt, wird lange diskutiert. Dann fährt Reno wohl wieder heim, ohne irgendwo anders als in dem geschützten Haus gewesen zu sein, in dem er auf einen schlafenden kleinen Hund pinkelte.

Staatstheater Darmstadt: 6., 20., 25. September. www.staatstheater-darmstadt.de

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