Eine Choreografie der Eigenwillig- und -tümlichkeiten. Daniel Domolky
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Eine Choreografie der Eigenwillig- und -tümlichkeiten. Daniel Domolky

Tanz in Darmstadt

Staatstheater Darmstadt: In der finno-ugrischen Sauna

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Beatrix Simkó und Jenna Jalonen mit ihrem eigenwilligen Duo „Long Time No See!“ in Darmstadt.

Hinter Merjanisch, Meschtscherisch, Akkalasamisch zum Beispiel hat Wikipedia ein Kreuz gesetzt für „ausgestorben“. Von einer nennenswerten Zahl von Menschen wird aus der eigentlich recht verzweigten finno-ugrischen Sprachfamilie heute auch nur noch das Finnische (5,5 Millionen), Ungarische (9,8 Millionen), Estnische (1,3 Millionen) gesprochen. Obwohl die Finnin Jenna Jalonen und die Ungarin Beatrix Simkó also davon ausgehen können, dass das Publikum in den Darmstädter Kammerspielen nicht einmal rautatieasema und pályaudvar (Bahnhof) versteht, reden die beiden Choreografinnen und Tänzerinnen immer wieder munter aufeinander und auf uns ein. Manchmal gibt es Übertitel, manchmal nicht, dann erfreut man sich am Klang.

Mit ihrer Herkunft aus zwei Ländern Europas und ihrer sprachlichen Verbundenheit haben sich Jalonen und Simkó auseinandergesetzt. Ihr knapp einstündiges Duo „Long Time No See!“ ist drollig und melancholisch, zupackend und rätselhaft. In Bikini und Helm (Kostüme: Emese Kasza) fetzen sie zum Schlager „Dschingis Khan“ über die Bühne – und es sieht tatsächlich aus wie ein schräger Beitrag zum Eurovision Song Contest, wo die Gruppe Dschingis Khan 1979 mit dem Ralph-Siegel-Lied auftrat. Sie quetschen sich in eine Sauna, die etwa so groß ist wie eine Telefonzelle (Bühne: Daniel Dömölky), die jeweils traditionelle Schnapsflasche (pálinka bzw. Koskenkorva) fest in der Hand, sie rangeln um den Platz, umturnen sich dann in Zeitlupe und in der Vertikalen, indem zum Beispiel die Beine der einen hinter dem Nacken der anderen verschränkt sind. Am Ende werden, Achtung!, zwei bedauernswerte Männer aus dem Publikum geholt und sollen mit je einer vom Rücken baumelnden Tänzerin um die Wette laufen. Es handelt sich um den kuriosen finnischen Brauch des Frauentragens (seit 1992 gibt es eine Frauentragen-Weltmeisterschaft in Sonkajärvi).

Beatrix Simkó, dunkel, und Jenna Jalonen, blond – die Ungarin arbeitet vor allem in Hamburg, die Finnin in Brüssel – betrachten sich als „Kusinen“ aus unterschiedlichen Kulturen, jedoch mit derselben Wurzel. Hinter ihnen werden den Abend über charakteristische Landschaften eingeblendet, vom dichten dunklen Wald bis zum Meeresstrand. Zwei bestickte Folklorekleider hängen an einer Leine. Sie haben zweifellos auch die traditionellen Tänze ihrer jeweiligen Heimat bei der Produktion im Blick gehabt, aber sie integrieren nur Bruchstücke in eine Choreografie, die voll schöner Eigenwilligkeiten und Fremdheiten steckt.

Der ungarische Schauspieler und Schriftsteller András Vinnai zeichnet für den Text verantwortlich, der dann glücklicherweise übertitelt wird, denn er steckt, wie die Bewegungssprache der beiden Künstlerinnen, voll herrlicher Merkwürdigkeiten und melancholischer Absurditäten. Da beklagt Simkó die Geräusche, die ihre Achselhöhlen, Ohren, sogar ihre Nase machen. Körperteile und Dinge verhalten sich seltsam, eigenmächtig, es macht sie traurig. Aber die finnische Kusine ist zum Trösten bereit.

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