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Der Künstler Calaf, bedrängt von Figurinen im Oskar-Schlemmer-Stil.

Turandot

Staatstheater Darmstadt: Der Fall Prinz C.

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Valentin Schwarz, designierter Bayreuther „Ring“-Regisseur, eröffnet die Musiktheater-Saison in Darmstadt mit einer „Turandot“.

Es ist heute sehr wirkungsvoll, Giacomo Puccinis „Turandot“ als Fragment aufzuführen. 1924 sah das anders aus. Nach Puccinis Tod musste ein Schluss her, um dem unvollendeten Werk auf den Opernbühnen eine Chance zu geben. Arturo Toscanini, mit Gespür für dramatische Effekte, dirigierte die allererste Aufführung (1926) nur bis zum Puccini-Ende, legte den Taktstock hin und sagte „Hier endet das Werk des Meisters“. Sie können sich vorstellen, was daraufhin los war (erst die Stille, dann der Jubel, das Geschluchze). Ab der zweiten Vorstellung gab es dann den von Toscanini beauftragten und von ihm selbst gleich kräftig modifizierten Schluss Franco Alfanos, der Puccini-Hörern seither zur Gewohnheit wurde. Später konkurrierte er mit dem inzwischen wiedergefundenen „Original“-Alfano sowie mit Luciano Berios Version von 2002.

Auch die Fragment-Fassung wurde in Deutschland seit 2004 gelegentlich aufgeführt. Spannend: Einerseits kann sich das „Turandot“-begeisterte Publikum das Ende leicht dazudenken. Andererseits befindet sich der Schluss nun am tragischen Zenit des Geschehens. Man muss nicht sehr zart besaitet sein, um nach dem Tod Liùs dem nun ins Blickfeld geratenden guten Ausgang skeptisch entgegenzusehen (auch dem Komponisten Alfano und dem Tenor Calaf hört man geradezu an, wie sie sich nun aufraffen müssen). Die Liebe geht über Leichen, aber sie siegt. Im Fragment hingegen scheitert sie auf ganzer Linie.

Nach Liùs Tod kann es so nicht weitergehen: eine nachvollziehbare Setzung, die alles verändert – wenn man sie ernst nimmt, und das sollte man, wenn man sich für das Fragment entscheidet, da die zur Verfügung stehenden Schlüsse keine Schande sind. Einem Regisseur gibt das Gelegenheit, eine praktisch andere Geschichte zu inszenieren.

Valentin Schwarz ist Überraschungsregisseur für den Bayreuther „Ring“ 2020

Am Staatstheater Darmstadt nutzte Valentin Schwarz diese Chance ganz und gar. Der 1989 geborene Österreicher hat in Darmstadt schon einen interpretatorisch verunglückten „Maskenball“ gezeigt. Kürzlich schnellten seine Aktien, ja das kann man in diesem Fall wohl so sagen, in die Höhe, als Katharina Wagner ihn als Überraschungsregisseur für den Bayreuther „Ring“ 2020 präsentierte. Ein Coup für die Darmstädter, mit ihm die Saison eröffnen zu können. Und auch die „Turandot“ ist ein Coup.

Das ist es, was Schwarz erzählt: Calaf ist ein Maler, der sich in Wahnvorstellungen verstrickt hat. Liù und Timur sind bei ihm im Atelier, wo er an einem bühnengroßen Wahnsinnsbild arbeitet, und lassen sich auf seine Vorstellungen ein, offenbar in der Hoffnung, ihn dadurch retten zu können. Hinter dem Bild tummeln sich schon die chinesischen Masken. Ping, Pang und Pong staksen dann als Oskar-Schlemmer-Figurinen auf die Bühne. Calaf, unrettbar verstrickt, wechselt auf die andere Seite des Bildes, hinter dem der von seiner eigenen Fantasie geschaffene Chor auftaucht. Turandot selbst ist ein Dämon in dieser Fantasie, ein gefährlicher Dämon, wie überhaupt dem Künstler sein Werk immer mehr entgleitet. Die Rahmenhandlung spielt in einer dezent expressionistischen Welt, was zur Entstehungszeit der Oper so gut passt wie zum fernöstlichen Dekor.

Bühnenbildner Andrea Cozzi richtet die opulente chinesische Fantasiewelt auf einer großen Tribüne imposant und duster an, Pascal Seibicke steuert eine Unzahl origineller Kostüme bei, obwohl sie weitgehend im Zwielicht bleiben müssen. Auf den beigegebenen Soldaten der Terracotta-Armee scheint Staub zu liegen, es ist ein Totenreich, das Calaf zutage fördert und von dem er sich überwältigen lässt – bis er feststellt, dass Liù wirklich tot ist, und bis es regnet und die Nässe auf der Haut ihn auszunüchtern scheint.

Schwarz greift tief in die Geschichte ein. Dies geschieht offensichtlich auf Kosten der Turandot-Figur. Ist es reizvoll, einmal eine so energische Liù zu sehen, die allerdings engelhaft singende Jana Baumeister, so ist es schwieriger, mit Schwarz’ dämonischer Titelheldin fertigzuwerden. Soojin Moon, eine aparte Geistererscheinung, die unterm weißen Kleid Lack und Leder bietet, macht das Beste aus ihrer antipuccinesken Unmenschlichkeit. Aber vor allem ihre Auftrittserzählung, standfest dargeboten, verschwindet hinter ihrer Zerstörungswut.

„Turandot“ ist keineswegs ein Märchen

Warum kann man sich dennoch so gut darauf einlassen? Weil Schwarz Antworten auf Fragen gibt, die „Turandot“-Hörer haben können. Dem Eindruck, dass es sich bei Puccinis letzter Oper keineswegs um ein Märchen handelt, aber freilich auch nicht um eine realistisch anzupackende Geschichte, kann er durch die Erzählung eines Wahns etwas Fesselndes entgegensetzen. Dem unerklärlichen Schrecken, der sich auch jenseits der Handlung zeigt und der vom guten Ende unzulänglich überdeckt wird, kann er Raum geben, auch dem eigentümlichen Gebaren Calafs, von Aldo di Toro engagiert als verstörter Durchschnittsmensch gespielt und über die lange Strecke tadellos gesungen. Auch insgesamt wird die Regie der sonst zumindest irritierenden Sprunghaftigkeit des Werks Herr. Timur, Dong-Won Seo, und Liù geraten dem Wahnhaften einfach gelegentlich aus dem Blick (dass sie selbst zum Paar werden: etwas forciert, aber nicht unmöglich), die Ping-Pang-Pong-Szenen mit Julian Orlishausen, David Lee und Michael Pegher können als groteske Sequenzen ausgezeichnet für sich stehen. Winzige Abruptheiten, die Vielhörer über die Jahre nicht aufhörten zu erstaunen, gewinnen Sinn und Spannung. Schwarz inszeniert gegen das Happyend, aber keinesfalls gegen die Musik.

Die Darmstädter Solistinnen und Solisten bewältigen das gut, die drei Hauptpartien überzeugen mit schöner Stimmkultur. Dass es an maximaler Durchschlagskraft manchmal fehlt, mag auch damit zu tun haben, dass Giuseppe Finzi das Orchester differenziert, aber doch tüchtig aufspielen lässt. Chor (Sören Eckhoff) und Kinderchor singen großartig und werden von Schwarz großartig bewegt.

Staatstheater Darmstadt: 7., 15., 28. September, 6., 12. Oktober. www.staatstheater-darmstadt.de

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