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Dieter Mann 2007 als Octavio Piccolomini, mit Christian Nickel.

Dieter Mann

Der Sprachspieler

Dieter Mann, Bühnenkünstler und einstiger Intendant des Deutschen Theaters, wird am heutigen Montag 75 Jahre alt.

Von Dirk Pilz

Damals vor neun Jahren am Wiener Burgtheater zum Beispiel. Es wird Schiller gespielt, „Wallenstein“, Regie Thomas Langhoff. Dieter Mann ist Octavio Piccolomini, der intrigante Wallenstein-Gegenspieler: hoch aufgerichtet, statuarisch, jedes Wort ein Denkmal. Oder bei seinem Gastauftritt an der Volksbühne, in Frank Castorfs Inszenierung von Walter Mehrings „Der Kaufmann von Berlin“: ein sarkastischer Abend über das heutige Hippietum, gespiegelt am Berlin der 20er Jahre. Dieter Mann ist der stramme Strippenzieher Dr. Müller, Opportunist, Antisemit, Krisengewinnler. Ein Zeitgeistvertreter und ein Zeitloser zugleich. Das ist immer seine Kunst, die Figuren gleichermaßen in einen konkreten Kontext und in einen überzeitlichen Zusammenhang zu stellen. Es ist eine Kunst, die an das Bleibende glaubt, an Shakespeare, Sophokles, „Nathan der Weise“.

Dieter Mann hat sie immer wieder gespielt. Als 25-Jähriger war er der Tempelherr in Friedo Solters „Nathan“ am Deutschen Theater, 1987 in Solters neuem „Nathan“ der Derwisch. Zwanzig Jahre später spielt er bei Holk Freytag die Titelrolle, und noch immer spricht Mann gern von seinem Lessing, der unverbrüchlichen Aktualität dieses Stückes, von langen, kraftvollen Linien durch Geschichte und Tradition. Er hat sie immer zu knüpfen versucht. Sein stetes Motto auf der Bühne für ihn: „Stehen, denken, sagen, genau in der Reihenfolge.“

45 Jahre war er im Ensemble des Deutschen Theaters, bis 2009. Er kommt aus einer Arbeiterfamilie, die Mutter war nie, der Vater zwei Mal im Theater. Vor seiner Schauspielausbildung lernt er Dreher. Bereits als Student kommt er ans DT, wird gefeiert für seine Rolle des Edgar Wibeau in „Die neuen Leiden des jungen W.“ (1972) und den singenden, hüpfenden Kellner in der Revue „Zwei Krawatten“ (1976). Früh spielt er auch Filme, in Gerhard Kleins „Berlin um die Ecke“ (1965) gibt er sein Debüt. Und dann wird Mann, was er nie wollte: Intendant an seinem DT, von 1984 bis 1991. Es gehen bis heute viele Geschichten über Mann-Jahre herum. Kurz zuvor sollte Friedo Solters „Faust II“ zur Premiere kommen, mit Dieter Mann als Mephisto, aber sie fand nicht statt, und es ist noch immer umstritten, warum. Als Intendant holt er Frank Castorf und Heiner Müller ans Haus, die große Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alex wurde im DT beschlossen. Das waren politische Mut-Proben, dennoch hat er immer die Kunst gegen das Gestrüpp des Tagespolitischen verteidigt, so gut es ging.

Vor allem aber ist Dieter Mann Spieler, Sprach-Spieler, Vor-Spieler. Vergangenes Jahr stand er zuletzt auf der Bühne, erst kürzlich hat er öffentlich gemacht, an Parkinson zu leiden. Heute wird er 75 Jahre alt; wir wünschen das Beste.

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