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Ulrich Matthes, hier mit Franziska Machens.

Deutsches Theater Berlin

Spielverderber in der Kastenwelt

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Ulrich Matthes im Deutschen Theater Berlin als Molière’scher Menschenfeind.

So richtig lustig ist die Humorlosigkeit dieses Alceste nicht. Molières titelgebender Menschenfeind wird eigentlich zur Lachnummer, weil er von einem Ehrlichkeitsfimmel erfasst ist und jegliche Höflichkeit als Lüge ablehnt. Ob in der höfischen Kultur des 17. Jahrhunderts oder in der Kommunikation über soziale Medien heute: Wer sich nicht an die Spielregeln eines öffentlichen Miteinanders hält, über den macht man sich lustig – schon um sich so einen übergriffigen Prinzipienreiter vom Leibe zu halten.

In dem Stück – es gilt als eines der zu Molières Lebzeiten weniger erfolgreichen und zugleich als sein autobiografischstes – ist der Spielverderber Alceste von Gefühlen für die junge lebens- und liebeslustige Witwe Célimène ergriffen – von seinen Gefühlen wohlbemerkt, weniger von Célimène persönlich. Ihre Hingabe an ihn soll exklusiv und bedingungslos sein und seine Liebe ihr alles auf der Welt ersetzen können. Als sie sich weigert, mit ihm die Einsamkeit zu suchen, den Menschen den Rücken zu kehren, ist er bis ins Tiefste verletzt und stößt sie von sich.

Wiewohl Célimène am Anfang nicht abgeneigt ist, bringt sie sich vor diesem emotionalen Totalitarismus hinter zahlreichen Verehrern in Deckung. Gerade entdeckt sie das Leben wieder, was im Deutschen Theater in der Inszenierung von Anne Lenk nicht so leicht ist. Hier ist die Welt ein schwarzer tür- und fensterloser Käfig mit Gitterwänden aus Gummilitzen (Bühne: Florian Lösche), durch die man auf die Bühne schlüpfen und in alle Richtungen wieder entschwinden kann. Draußen lauert das schwarze Nichts.

Alles in dieser farblosen Leere steht und fällt mit dem durchaus eher flachen Humor der Mitinsassen – sie sind, wenn auch nur in Grautönen, so doch extravagant und betont dreidimensional gekleidet (Kostüme: Sibylle Wallum). Sie scheinen sich damit gegen das brutale weiße Kunstlicht wehren zu wollen. Es zerschneidet die Kastenwelt zuweilen in vertikale Streifen, sodass die Figuren sich in barcodeartige körperlose Gestalten auflösen, die nur aus in Reimen gebundener Sprache bestehen. Wer wollte da mit einem wie Alceste allein sein? Und was würde der überhaupt noch sagen, wenn er niemanden hätte, über den er sich aufregen und erheben könnte?

Ulrich Matthes tut, wofür man ihn sonst feiert, also alles, um seine Figur nicht für ein paar Pointen zu denunzieren. Diese Art, mit der er dem leicht zu habenden Humor ausweicht, um der Figur Wahrhaftigkeit zu verleihen, erhebt ihn auf eine moralisch höhere Stufe der schauspielerischen Eitelkeit: sehr löblich und passend zum Spielverderber Alceste – aber eben doch Spielverderberei. „In Ihrem Kampf gegen die menschliche Natur / Werden Sie selbst schon zur komischen Figur“, warnt Philinte (Manuel Harder) seinen Freund Alceste. Und was antwortet unser Menschen- und also auch Zuschauerfeind? „Das will ich ja. Das ist ein gutes Zeichen./ Das freut mich. Genau das wollte ich erreichen.“ Humorlosigkeit, die absichtlich komisch sein will statt unfreiwillig? Nö, so macht es keinen Spaß, jemanden auszulachen.

Das Zuschauerherz gehört den gockelhaften Kavalieren, die mit Alceste um Célimène konkurrieren – was Matthes’ Kollegen mit herzerfrischend niedriger schauspielerischer Eitelkeit vorführen: Elias Arens wirft als ausgezehrter Clitandre seine langen Fettsträhnen, Jeremy Mockridge flötet als weggetreten durchleuchteter Narziss den Frauen hinterher, und allen voran wirft sich Timo Weisschnur, der „dicke Dichter“ Oronte, in einem Blouson-Anzug und zierlichen Wappen-Pantoletten in Pose. Er lässt weich das Becken kreisen und glättet das Gesicht zu einem sonnigen Lächeln, das seiner bescheidenen Meinung nach alle Welt für ihn einnehmen müsste. Alle Welt spielt mit – außer Alceste, der Orontes Sonett auf ehrabschneidende Weise kritisiert und für diesen Verriss vor das Schiedsgericht geladen wird (glücklich überwundene Praxis, Anm. d. Kritikers).

Diese Gockeleien sind fröhliche Karikatur; richtig ernst und verletzend wird es erst in der Liebe. Drei Frauen macht Alceste mit seinem Moral-Ego unglücklich: die verlangend tugendhafte, von der Männerwelt enttäuschte Arsinoé (Judith Hofmann); die ihm offenherzig nacheifernde Éliante (Lisa Hrdina), die Alceste als Mittel zur Rache an Célimène zu missbrauchen versucht, und eben Célimène, gespielt von Franziska Machens. Das Entsetzen, das ihr Gesicht entstellt, als sie bemerkt, wem sie da gerade noch von der Schippe springt, bleibt haften.

Das Publikum – die diplomatisch durchtrainierte Angela Merkel saß in der Premiere, um Alceste zu belächeln – war wohl glücklich über den ästhetisch übersichtlichen, auf die Kraft der Sprache vertrauenden Abend. Man applaudierte lang und freudig – auf wessen Kosten?

Deutsches Theater, Berlin: 4., 16., 20. April. www.deutschestheater.de

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