Neu im Programm im Staatstheater Mainz:  „Tage des Verrats“ von Beau Willimon.

Staatstheater Mainz

Polit-Thriller in Mainz: So geht Theater heute

  • Judith von Sternburg
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„Tage des Verrats“ im Staatstheater Mainz: entspannt und effizientes Spiel mit Nähe und Distanz.

Für eine originelle und schmucke Lösung hat sich das Staatstheater Mainz entschieden, wo im Kleinen Haus die Sitzreihen abgebaut wurden. Nun nimmt das Publikum auf individuellen Zweiersofas und -bänken Platz. Das verwandelt das Theater nicht nur in einen wohnlichen Spielort, es wird dazu auch beiläufig klar, dass das eine Weile so bleiben könnte. Muss man halt zuschauen, dass man Karten bekommt.

Jetzt für „Tage des Verrats“ von Beau Willimon, eine neu ins Programm genommene deutschsprachige Erstaufführung, die in jeder Hinsicht perfekt passt. Die Corona-Krise wird die Stunde der Konversationsstücke sein, in denen Distanz kein Problem darstellt und das Schweißtreibende sich in Grenzen hält. Willimon, lange für „House of Cards“ zuständig, arbeitete zudem einst selbst in Wahlkampfteams mit – so für Hillary Clinton 2000, als diese sich (erfolgreich) um das New Yorker Senatorenamt bemühte, 2003 für Howard Dean, der weniger erfolgreich versuchte, Präsidentschaftskandidat für die Demokraten zu werden. Darauf basierte dann Willimons Stück, später von und mit George Clooney verfilmt. Willimon, 1977 geboren, war seinerzeit unheimlich jung, auch in „Tage des Verrats“ fühlt sich der 25-jährige Stephen schon uralt.

Wie ausgerechnet sehr junge Menschen extrem motiviert – wild auf Erfolg, aber auch idealistisch – ziemlich alte Bewerber unterstützen, mag ein Spezifikum des amerikanischen Systems sein. Hinzu kommen die Abgründe, die sich hier auftun und die einem im Jahr von US-Präsidentschaftswahlen Angst und Schrecken einjagen. Selbst Steven ist verblüfft. Das sei doch illegal und wie bei den Republikanern, sagt er einmal. Natürlich sei das illegal, aber er habe es satt, dass immer nur die anderen gewinnen, sagt der ausgekochte Kampagnenchef des Mitbewerbers.

Eine spannende, detailreiche, zutiefst beunruhigende Geschichte (denn nichts wirkt übertriebener, als man es der Wirklichkeit längst zutraut), die in Mainz in zwei pausen- und geradezu atemlosen Stunden ohne Hektik erzählt wird. K. D. Schmidt führt Regie, das Ensemble schlüpft problemlos in die typisierten, aber durchweg glaubhaften Figuren. Zynismus wie ehrliche Begeisterung stellen dabei keine Gegensätze dar, sondern unterscheiden sich bloß graduell: Beide treiben die Kampagne voran, nur darum geht es. Gibt es nicht trotzdem eine rote Linie? Stimmt, aber jeder markiert sie für sich selbst.

Julian von Hansemann ist Steven, dem kaum noch einer etwas vormachen kann. Denkt er. Klaus Köhler ist sein mit allen Wassern gewaschener Chef, Hannah von Peinen die penetrante Reporterin. Es ist Teil ihres Jobs, penetrant zu sein, wunderbar demonstriert Peinen die feinen, flugsen Wendungen von der erforderlichen Kumpelhaftigkeit zurück zur kühlen Distanz (Nähe und Abstand auf allen Ebenen, wirklich ein Stück zum Tage). Elena Berthold ist die intelligente Praktikantin, Martin Herrmann der scheinbar joviale Mann der Gegenseite, Burak Uzuncimen der noch jüngere Streber, der von unten nachrückt. Persönlich wird es nur zum Bluff, so ist das in einer Kampagne.

Bühnenbildner Thomas Drescher meidet geschickt die allzu klassische Konversationsstück-Situation, indem er statt eines Büros oder einer Bar auf mehreren Rampen karge Autokarosserien platzierte. Die Erinnerung an die amerikanische Arbeitswelt, mit der sich die Kandidaten herumschlagen müssen, verbindet sich mit den Abstandsregeln. Außerdem kann das ebenso gut ein schicktes Restaurant darstellen wie die finstere Ecke, in der man rasch ein paar diskrete Telefonate führt. In der Sache läuft übrigens alles ins Leere. Das Theater zeigt das erschreckend Dysfunktionale von politischem Wettbewerb und präsentiert zugleich seine eigene imposante Funktionstüchtigkeit.

Staatstheater Mainz:17., 25. Juni, 2. Juli. www.staatstheater-mainz.com

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