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„Speed“ in Mannheim: Unermüdlich sich bewegende Teilchen

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Von: Sylvia Staude

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„Kosmos“ von Andonis Foniadakis am Nationaltheater Mannheim. Foto: Christian Kleiner
„Kosmos“ von Andonis Foniadakis am Nationaltheater Mannheim. Foto: Christian Kleiner © Christian Kleiner

„Speed“, ein Tanzabend in Mannheim mit mitreißenden Choreografien von Stephan Thoss und Andonis Foniadakis.

Zwar setzt nicht jede Choreografie auf „Speed“, Tempo, aber einen Tanzabend so zu überschreiben, scheint trotzdem ein wenig wohlfeil: Geschwindigkeit ist ein so selbstverständlicher, ja zwingender Bestandteil moderner Tanzwerke, ob von Marco Goecke oder Sharon Eyal. Freilich ist bei jenen die lidschlagschnelle Bewegung gleichzeitig abgezirkelt, detailliert, kleinteilig, wie in einen Rahmen eingepasst. Beim neuen Mannheimer Abend im Schauspielhaus des Nationaltheaters mit Choreografien von Ballettchef Stephan Thoss und dem Griechen Andonis Foniadakis darf, nein muss die Bewegung explodieren, sich blitzartig im Raum ausdehnen. Es ist, als tanze sich das vorzügliche Ensemble in einen Taumel, einen Rausch.

Stephan Thoss’ gut einstündige Uraufführung trägt den schlichten Titel „Short Play“; das „kurze Stück“, das hier angeblich gespielt wird, steckt aber voll scharfkantiger Groteske. Meist tragen Tänzerinnen und Tänzer mindestens ein rosafarbenes Kleidungsstück, eine coole Sonnenbrille, Schminke oder sind gar Zuckerpüppchen von Kopf bis Fuß, aber hinter ihnen reihen sich große, metallblitzende Ventilatoren, hängt ein kühl wirkendes Mobile aus Lichtröhren von der Decke (Choreografie, Bühne, Kostüme: Thoss). Für Augenblicke kann man meinen, dass hier eine Feier steigen soll, Motto der Party People: durch eine rosa Brille gucken. Mal kommt eine Clownsnase dazu. Mal ein Faschingshütchen, in Pink selbstverständlich. Aber gleich ist die Ausgelassenheit wieder gebrochen.

Als hätte man sie in eine Welt geworfen, die sie nicht wirklich verstehen – aber sie wollen sich nichts anmerken lassen. Männer, die nicht viel mehr als prächtige Hüte tragen (wie zur Royal-Ascot-Rennwoche) staksen über die Bühne, halten schwarze Aktentaschen vor die Körpermitte. Ein weißer Pudel begleitet sie, versucht sich einzureihen, der Hund (kein echter, eine Tänzerin im Hundekostüm) ist ein bisschen verwirrt. In einer anderen Szene kommen Politiker-Masken zum Einsatz, zum Beispiel mit dem chaotischen blonden Haarschopf des Boris Johnson. Auch Kim Jong-un könnte darunter sein.

Aber um spezifische Botschaften geht es gar nicht. Hier zappeln prototypische Menschlein über die Bühne, überdreht, sich aufplusternd, getrieben, manchmal ein bisschen verzweifelt. Das Orchester auf dieser Titanic spielt vor allem Nils Frahm und Hauschka, vorwärts Drängendes, dunkel Grundiertes mit immer wieder auch wummernden Rhythmen.

Für das etwa halbstündige „Kosmos“ von Andonis Foniadakis (uraufgeführt bereits 2014 von Les Ballets Jazz de Montréal) hat Julien Tarride die Musik komponiert, sie ist noch wuchtiger, massiver, bisweilen ohrenbetäubend. Es ist, als reiße sie die Tänzerinnen und Tänzer mit, als schlage sie wie eine Riesenwelle immer wieder über ihnen zusammen.

Alles rast und fliegt in diesem Stück, in diesem getanzten Kosmos. Bald fliegen die schicken mitternachtsblauen Jacketts weg (Kostüme Anastasios Sofroniou). Überall fliegen Haare (auch einige der Tänzer haben lange Haare), leuchten, schimmern im Licht (Foniadakis, Elana Siberski), spritzen auf wie Fontänen. Konturen verschwimmen, weil alles so dermaßen schnell geht. Körper schnellen durch den Raum, umarmen ihn, erweitern ihn gleichsam.

Bald ist „Kosmos“ schiere Energie. Aber wiederum keine helle, leichte Energie, sondern eine dunkle, schwere, gewaltige. – Bis zuletzt lichtflirrende Figürchen auf die Bühne kommen, dank eines auf die Körper projizierten Videos von Komponist Tarride. Als könnte man plötzlich sehen, wie auch der Mensch aus lauter sich unermüdlich bewegenden Teilchen zusammengesetzt ist. Das ist schön anzusehen und auch ein bisschen rührend.

Nationaltheater Mannheim, Schauspielhaus: 9., 13. Juli. www.nationaltheater-mannheim.de

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