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Tadashi Endo als einsamer Totenkönig.

Tanz

„Souls in the Sea“ im Gallustheater: Für die toten Seelen im Mittelmeer

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Der Butho-Tänzer Tadashi Endo im Gallus-Theater mit seinem Solo „Souls in the Sea“.

Millionen Menschen, die unter Lebensgefahr Rettung suchten, nur um zu Tausenden im Mittelmeer und auf anderen Fluchtwegen umzukommen, können geglückte Darstellungsformen für ihre Not gleichgültig sein. Handfeste Hilfe ist es, was zählt. Nimmt man freilich hin, dass mit den Fluchtopfern das Schöne stirbt, ist der Erinnerung und dem Menschlichen umso weniger gedient.

Vor zwei, drei Jahren, als den Flüchtlingswellen eine Welle engagierter Bühnenstücke folgte, war manche Arbeit leider besser gemeint als gemacht. Wie Tadashi Endo in und mit „Souls in the Sea“ aus mehr zeitlichem Abstand bis ans Ende seiner Kunstform geht, macht sein Stück hingegen mit zum Besten zum Thema, was bislang auf die Bühne fand.

Der 72-jährige Japaner befleißigt sich als Butoh-Tänzer einer Disziplin, die auch aus dem Geist altehrwürdiger japanischer Genres wie Noh-Theater und Kabuki schöpft und doch erst um 1960 entstand. Außer Ahnenkult, Geisterwelten und der beseelten Natur stecken im Butoh auch der Ausdruckstanz, die moderne Regie, das Tanztheater und der politische Protest – anfangs noch in den Fußstapfen Yukio Mishimas, der einer empfundenen Amerikanisierung entgegentrat. Endo selbst studierte am Wiener Reinhardt-Seminar Regie und erkannte erst 1989 durch Kazuo Ohno, dass er Butoh tanzte. Heute leitet er das Butoh-Centrum „Mamu“ in Göttingen. Seine west-östliche Gratwanderung hat ihn zur internationalen Berühmtheit gemacht, was auch eine Kolonie brasilianischer Premierengäste ins Gallustheater lockte.

Seine knapp 50-minütige Hommage an die toten Seelen im Mittelmeer tanzt er im Frankfurter Gallus-Theater, vielleicht Krankheitsfolgen-bedingt, nicht Butoh-üblich mit Lendenschurz, sondern barfuß im langen schwarzgrauen Gewand. Es gleicht einem hinten geknöpften Frauenkleid, ja einer Soutane. Geisterhaft weiß geschminkt tritt er ebenso wenig auf, doch vermitteln die zerzausten Haare und Totenmasken-starre Mimik die Todesnähe eines King Lear über den Klippen.

Ein einsamer Totenkönig ist das, denn außer Nebel aus der Dose, an dem sich das Licht austoben darf, gesellt er sich nur die ausgefuchst-dramatische Lichtregie von den Seiten und im Spot von oben und (dank Daniel Maia) eine wirkungsvolle Tonspur bei. Neben Naturgeräuschen von Wind und Brandung bis Möwenruf und Donner sind das musikalische Anteile: vom ominös-gespenstischen Rumoren über Chorisches im Stil von Stockhausens „Jünglingen im Feuerofen“ bis hin zu dunkel bohrendem Cello, aufreizender Violine oder Viola sowie hellerem bis jazzigem Piano.

Wie im Traum steht sein beharrliches Schweigen bei alledem unfraglich für die Toten ein. Was sie uns wohl sagen würden, stiegen sie vom Meeresgrund empor? Mit ihren Booten und ihnen darin versanken die im Grunde bescheidenen, sehr menschlichen Hoffnungen. Tadashi Endo schenkt ihnen ein vielleicht mattes und auch sehr japanisches, doch immerhin ein Abbild dessen, wie ihre Seelen ihren Tanz der Finsternis tanzen. Allein daraus blüht ein Funken Hoffnung.

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