Hin zur Erdbeere: Sophie Rois auf dem Tortengipfel.
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Hin zur Erdbeere: Sophie Rois auf dem Tortengipfel.

Deutsches Theater Berlin

„Sophie Rois fährt gegen die Wand“

  • vonUlrich Seidler
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Sophie Rois bringt in Berlin „Die Wand“, Marlen Haushofers großen Einsamkeitsroman, als fröhliche Solo-Party auf die Bühne.

Wem bis dahin noch nicht aufgefallen ist, dass er einem kulinarischen Abend beiwohnt, für den lässt der Regisseur und Bühnenbildner Clemens Maria Schönborn in aller Deutlichkeit ein Zeichen aus dem Schnürboden herab: ein Stück dreibödige Erdbeertorte, groß wie eine Garage, mit erotisierenden Schäumen und Fruchtstücken, knackigen Schokosplittern und einer Sahnedecke, auf der man Ski fahren könnte.

Später setzt sachter Schneefall ein, Staubzucker glitzert auf diesen Gipfel der Genüsse nieder. Dazu ist Bachs Kantate „Ich habe genug“ zu hören, dieses trostreiche Lebensabschiedslied: „Ach, möchte mich von meines Leibes Ketten der Herr erretten!“ Ganz zart wird von solcher süßen, schmatzigen Fettigkeit der Brechreiz gekitzelt, aber schön ist es doch.

Der namenlosen Heldin des Abends „Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“ mögen sich solche Fantasien in dem Wissen aufdrängen, dass sie nie wieder im Leben eine Orange essen wird. In einem Hochtal mit Berghütte ist sie über Nacht von einer unsichtbaren Wand, hinter der alles Leben erloschen ist, eingeschlossen worden. Wie unter einer Glasglocke, eingesperrt in ein Gebirgsidyll, fristet sie mit einer trächtigen Kuh, einem Hund und einer immer wieder jungenden Katze ihr Dasein. Wer könnte ihr verdenken, dass sie beim Anblick eines Gletschers den süßen Fluff von Schlagobers imaginiert?

Sophie Rois spielt im Deutschen Theater Berlin die Ich-Erzählerin aus dem existenzialistischen, spannenden, mit heller Genauigkeit gefügten Roman „Die Wand“, den Marlen Haushofer (1920-1970) in den Sechzigern geschrieben hat. Die isolierte Erzählerin ist auf sich selbst zurückgeworfen, sie hat ihr Ende vor Augen, kann es an den schwindenen Vorräten an Zündhölzern nahen sehen. Sie richtet sich ein, lernt ihre Kräfte und Grenzen kennen, wirtschaftet nachhaltig, verbindet sich mit den Tieren, löst sich von allen Zuschreibungen und blickt irgendwann mit einer Zufriedenheit in die Sonne, die für uns, die wir unter der Glocke der modernen Welt leben, unerreichbar ist.

2012 wurde der Roman mit Martina Gedeck verfilmt und nun in ökofeministischen Kreisen neu entdeckt. Vielleicht auch wegen des gar nicht so metaphorisch, sondern forstwirtschaftlich gemeinten Umgangs mit röhrenden Hirschböcken in der Brunftzeit. Von wegen „helle Herausforderung, Stolz und Lust“: „Für mich klang es nach einem schrecklichen Zwang, der die Böcke dazu trieb. Damals schoss ich fast nur alte Böcke. Das Fleisch eines Brunfthirsches ist völlig ungenießbar. Ich aß nur die Leber, das Blut und seine Eingeweide.“

Und wenn Sophie Rois den Sahnegipfel erklimmt und von oben die Flinte aus der Hüfte knapp am Parkett vorbei abfeuert – „wieder einer“ –, dann ist das mehr als eine Pose feministischer Ermächtigung. Dann ist die asketische, trostbefreite, aber eben echte und dringliche Wirklichkeit, von der der Roman erzählt, zu einem goldenen Pudding für eine glorreiche und fröhliche Apotheose der Frau gereift. Da ist es dann auch gar nicht mehr nötig, dass am Ende wie im Roman ein Mann auftritt und ohne Erklärung die Gefährten der Erzählerin – ihren Hund und ein Stierkalb, das für Nachwuchs und ein Überleben hätte sorgen können – totschlägt. Nö, wir brauchen sie nicht, die Männer, für diese Party.

Depression, Einsamkeitsgefühle und Todesfurcht sind dem Buch ausgetrieben. Stattdessen wird eine luxuriöse und freudvolle Selbsthuldigung mit etwas Austropop und Dylan-Blues gefeiert: Die Bühne ist die Welt, und die Welt eine sturmfreie Bude. Keiner, der reinquatscht, alle Regeln auf Null, und niemand, dem man die Schuld zuschieben kann.

Auf den ersten Blick macht das die Sache vielleicht ein bisschen harmlos, aber vielleicht rutscht einem der Text auf diese Weise tiefer ins Gehirn und hakt sich dort ein: „Wahrscheinlich klingt das sehr grausam, ich wüsste aber nicht, wem ich heute noch etwas vorlügen sollte. Ich kann mir erlauben, die Wahrheit zu schreiben; alle, denen zuliebe ich mein Leben lang gelogen habe, sind tot.“ Das Parkett war nicht tot, es applaudiert nach einer kurzen Stunde fröhlich, während Sophie Rois und ihr Team an der Rampe tanzen. Wie schön, dass wir einander haben.

Deutsches Theater Berlin:16., 26. Februar. www.deutschestheater.de

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