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Sondheims „Sweeney Todd“: Das schmeckt ja so gut

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Von: Sylvia Staude

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Der Barbier und die Pastetenbäckerin, Derrick Ballard und Verena Tönjes, begeistert von ihrer Recycling-Idee. Foto: Andreas Etter
Der Barbier und die Pastetenbäckerin, Derrick Ballard und Verena Tönjes, begeistert von ihrer Recycling-Idee. Foto: Andreas Etter © Andreas Etter

Das Mainzer Staatstheater lässt sich nicht lumpen mit dem großartig besetzten „Sweeney Todd“.

Der Komponist und Texter Stephen Sondheim nannte das 1979 uraufgeführte „Sweeney Todd“ nicht Musical, sondern Operette – jetzt bekommt das prächtige Gruselstück im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters gar opernhafte Züge, denn unter der Regie von K. D. Schmidt singen und spielen nicht wenige famose Mitglieder des Opernensembles. In dieser Inszenierung wird nicht geknausert, nicht an der Ausstattung, nicht an der musikalischen Begleitung – das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter Samuel Hogarth spielt mit Verve –, nicht am Chor (Leitung: Sebastian Hernandez-Laverny), der vergnügt (Luft-)Pasteten verspeist und einstimmig findet: „Das schmeckt ja so gut“. Wenn Sie jetzt denken: warum sollte es nicht? Na ja, vielleicht weil Mrs. Lovett ihr Gebäck mit Menschenfleisch gefüllt hat.

In ganz groben Zügen geht die Geschichte vom „dämonischen Barbier von Fleet Street“ nämlich so: Benjamin Barker alias Sweeney Todd wurden von Richter Turpin Frau und Töchterchen geraubt, er in die Verbannung geschickt. Nach Jahren kehrt er mit Rachegedanken zurück. Der erste Mord erfolgt noch im Affekt. Aber in London herrscht Fleischmangel und Pastetenhändlerin Mrs. Lovett hat eine Geschäftsidee ... in Wilfried Steiners und Roman Hinzes Übersetzung von 2019 reimt sich also „Prälat“ auf „fad“ und „Marinekadett“ auf „Omelett“.

Ein makabrer Spaß also. Und eine Tragödie, denn Todd wird auch die von ihm geliebte Frau umbringen – und erst danach wiedererkennen. Und eine rührende Liebesgeschichte, zwischen Matrose Anthony, der Todd auf See das Leben gerettet hat, und Tochter Johanna, die von ihm nun aus dem Irrenhaus gerettet werden muss. Apropos See: auf der Bühne von Thomas Drescher sind im vorderen Drittel Schiffsanlegestege durcheinandergeworfen, man steigt auf und ab oder setzt sich und lässt die Beine baumeln. Illustriert wird mit Videos in Comicmanier (Andreas Ivancsics), sie flackern auf der Rückwand hinter dem Orchester. Es huschen Fratzen und spritzt das Blut. In den Kostümen (und Frisuren) von Maren Geers trifft sich das 19. Jahrhundert mit Rocky Horror Show und Science Fiction. Sweeney Todd zum Beispiel könnte mit doppelreihiger Punkfrisur und dunkelschillerndem, rüstungsähnlichem Anzug auch einen Echsenmenschen geben. Der grundböse Richter sieht aus wie Abraham Lincoln.

Als stimmstark diabolisches, dabei praktisch denkendes Paar stehen Derrick Ballard und Verena Tönjes im Mittelpunkt; schauspielerisch tragen sie so dick auf, wie das diese mit Lust groteske Inszenierung erfordert. Immer wieder drängt sich eindrucksvoll greinend eine Bettlerin dazwischen: Katja Ladentin, die im Mainzer „Rake’s Progress“ Puffmutter Goose gibt. Mit schönen klaren Stimmen sind Tenor Collin André Schöning und Sopranistin Alexandra Samouilidou das junge Liebespaar (bei ihr fehlt es noch ein wenig an Textverständlichkeit). Aber es geht weiter, keiner tanzt hier aus der imposanten sängerischen Qualitätsreihe: Bariton Peter Felix Bauer ist der verklemmt-lüsterne Richter, Frederik Bak sein schmieriges Büttel Bamford, herrlich als falscher Italiener Alexander Spemann und als naiver (aber so naiv auch wieder nicht!) Gehilfe Tobias glänzt Mark Watson Williams.

In Mainz muss sich nun niemand mehr unter Niveau gruseln.

Staatstheater Mainz: 1., 6., 11., 26. 30. Nov.. www.staatstheater-mainz.com

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