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Wie soll man über die Grenze kommen?

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Dagmar Manzel als Zentrum von  „Agota?“.
Dagmar Manzel als Zentrum von „Agota?“. © Andreas Etter

Dagmar Manzel und das Ensemble Modern führen in Wiesbaden Helmut Oehrings „Agota?“ über die Schriftstellerin Ágota Kristóf auf.

Die Wiesbadener Maifestspiele geben der Neuen Musik in diesem Jahr einen imposanten Auftritt, der zugleich den anlassgemäßen Bedarf nach Opulenz auf unorthodoxe, aber einleuchtende Art deckt. Nach Zimmermanns „Soldaten“ zur Eröffnung hatte nun eine Auftragskomposition des Staatstheaters ihre Uraufführung, die den Komponisten Helmut Oehring, das Ensemble Modern und die Schauspielerin Dagmar Manzel im Kleinen Haus zusammenbrachte.

Oehring war gerade erst durch das Dresdner Musikprojekt „Aghet“ im Gespräch, über das sich die außer Rand und Band geratene Regierung Erdogan (vergeblich) beschwerte und an dem er mit einer eigenen Arbeit mitgewirkt hatte. Auch die Komposition „Agota? Die Analphabetin (Gestern/Irgendwo)“ bezieht politisch Stellung, hier durch Texte der großen Schriftstellerin Ágota Kristóf (1935-2011). Die Musik weicht geradezu zurück, als Dagmar Manzel von dem türkischen Kind erzählt. Es erfriert auf dem Rücken seines Vaters vor Kälte und Erschöpfung, während die Familie, vom Schleuser ausgesetzt, versucht, das erste Dorf auf Schweizer Seite zu finden. Ágota Kristóf liest das in der Zeitung und denkt an ihre eigene Flucht aus Ungarn 1956: Der Menschenzug in der Nacht, ihr Mann mit dem Baby, sie mit zwei Taschen, ein Kind weint, eine Frau sagt: „Wir sind verloren“.

Ein anderer (verwandter) Schwerpunkt im Textbuch, das Stefanie Wördemann aus mehreren Kristóf-Arbeiten zusammenstellte, dreht sich um den Sprachwechsel. Die längst in Frankreich lebende Autorin hat den Eindruck, das Französische immer noch nicht zu beherrschen – ein zwingendes Thema für Oehring, Sohn gehörloser Eltern, der der Partitur auch Gesten für die Musiker eingeschrieben hat. Musikalisch bietet er ein komplexes, bisweilen etwas knochenlos wirkendes, Geräusche aller Art – darunter Vorproduziertes von Torsten Ottersberg – aufwendig einarbeitendes Gespinst: Ein intellektuell stark aufgeladenes Spiel um Verständigungsversuche und Verrätselung, denn vieles bleibt ja unzugänglich. Rechts das von Peter Rundel sicher geführte Ensemble Modern als klassisches Mini-Orchester, links ein engagiertes Solisten-Trio, das starken, mitunter szenischen Aufwand zu betreiben hat und charmant betreibt.

In der Mitte Manzel, die auch mit feiner Stimme singt. Sie bereitet Tee zu, trinkt ihn, wäscht die Tasse, sinniert im Video (Philipp Ludwig Stangl). Dass die Inszenierung von Ingo Kerkhof vereinfachend wirkt gegenüber den so ganz nach innen gelagerten Ton- und Textwelten, ist schade, bietet aber auch Bodenhaftung.

Staatstheater Wiesbaden: 7., 14. Mai. www.staatstheater-wiesbaden.de

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