1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Der Solitär

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Wendig und leichtfüßig war der junge Merce Cunningham.
Wendig und leichtfüßig war der junge Merce Cunningham. © Getty Images

Tanz, der nichts sein will als ein Muster aus bewegten Körpern, Tanz, der keine Geschichte erzählen will, dafür wurde er berühmt: Merce Cunningham. Von Sylvia Staude, mit Video

"Nearly Ninety" - fast Neunzig - hat Merce Cunningham sein jüngstes Stück genannt und dabei gleich ein kleines Rätsel gestellt. Denn "Nearly Ninety" hat heute, am Abend seines nicht nur fast 90. Geburtstages, in der Brooklyn Academy of Music Uraufführung. Die Gruppe Sonic Youth sowie der Led-Zeppelin-Bassist John Paul Jones begleiten die Tänzer live. Und John Cage sieht vermutlich von seiner Wolke aus zu.

Cunningham sitzt zwar mittlerweile im Rollstuhl, und beim Choreografieren hilft ihm seit Jahren schon ein Computerprogramm. Aber er geht seinen Weg, Beobachtung um Beobachtung, Versuch um Versuch, Bewegung um Bewegung. Es passt, dass zarte Kringellöckchen und Knollennase ihm das Aussehen eines neugierigen Kobolds geben - seine Entdeckerfreude scheint ungebrochen.

Schon als Merce Cunningham vor zwölf Jahren zuletzt in Frankfurt war, glaubte seine Assistentin, ihn vor Überanstrengung schützen zu müssen. 15 bis 20 Interview-Minuten wollte sie zugestehen, maximal; die Journalistin schmiss also ihre Zeit zusammen mit dem Kollegen einer anderen Zeitung. Aber nach jeder seiner schnell auf den Punkt kommenden Antworten schaute der alte Mann so erwartungsvoll, so regelrecht auffordernd, dass wir Frage um Frage stellten - und, als eine Stunde voll war, uns zunehmend ratlose Blicke zuwarfen. Freundlich ging Merce Cunningham dazu über, uns zu befragen.

Damals baute er sich auch noch in seine Stücke ein. Und unterlief mit seinen kleinen Auftritten, wofür er eigentlich berühmt war: Tanz, der nichts anderes sein will als ein Muster aus bewegten Körpern, der keine Charaktere auf die Bühne stellen und schon gar keine Geschichte erzählen will, dem Klarheit alles ist und emotionale Überwältigung ein Gräuel. Der sich vorsichtig - eine Hand immer an der Ballettstange - bewegende Merce Cunningham griff einem ans Herz. Er lächelte fein, er war purer Charme. Es konnte keine Rede mehr sein von reiner, kühler Körperform.

Beach Birds, 1991Choreographie: Merce Cunningham

Obwohl Merce Cunningham seine Tänzerkarriere 1939 ausgerechnet bei Martha Graham begann, der Meisterin des expressionistischen Ausrufezeichens, löste er sich zügig und offenbar ohne große Kämpfe von dieser Art des Modern Dance. Er sagte, radikal wie keiner sonst: es ist Unsinn ("nonsense") zu behaupten, dass eine bestimmte Bewegung etwas Bestimmtes bedeutet. Cunninghams Tanz ist frei, angestoßen vom Zufall, begrenzt nur "von den zwei Beinen". Doch das Reservoir an Bewegungsmöglichkeiten hält er für unerschöpflich. In ihm tauchte dieser Choreograf all die Jahre nach Fremdheiten wie nach Perlen. Jetzt muss er das hauptsächlich seine exzellenten Tänzer und den Computer tun lassen.

Eigensinnig trennte Cunningham auch früh in seinem Schaffen, sicher unter dem Einfluss seines Lebenspartners John Cage, Musik und Tanz: Fanden sie in einer Choreografie kurz zusammen, war es gut; aber eigentlich waren sie so eigenständig, dass der Komponist gar nicht wissen brauchte, was der Choreograf tat - und umgekehrt. Und auch das Bühnenbild ließ Cunningham von der Leine, Künstler wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Charles Atlas schufen und schaffen für ihn. Oder besser: neben ihm.

Merce Cunningham ist ein Solitär, ein künstlerischer Eigenbrötler, aber er schätzt die Gesellschaft und die Ideen anderer. Er sitzt in seinem Bastelkeller, er ist vertieft, immer noch - aber die Türe zu seinem Reich ist offen.

Auch interessant

Kommentare