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Sofi Oksanens „Hundepark“ auf der Bühne: Im Kartenhaus

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Von: Sylvia Staude

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Eizellenspenderin Daria (l.) und ihre frühere Chefin Olenka. Foto: Lena Bils
Eizellenspenderin Daria (l.) und ihre frühere Chefin Olenka. Foto: Lena Bils © Lena Bils

Sofi Oksanens Roman „Hundepark“, in Gießen auf der Bühne

Der Roman „Hundepark“ der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen erschien 2019 im Original, im Januar 2022 in deutscher Übersetzung. Er handelt also nicht vom aktuellen Krieg; Gießens Intendantin Simone Sterr entschied sich schnell, vor dem 24. Februar dafür, ihn auf die Bühne zu bringen. Jetzt freilich wird man die auf dem Programmblatt abgedruckte Osteuropa-Karte mit besonderem Interesse betrachten.

Zwischen 1991 und 2016, zwischen der Kleinstadt Snischne, Ostukraine, und dem finnischen Helsinki spielt „Hundepark“. Zwei junge ukrainische Frauen, Olenka und Daria, arbeiten sich in einer Agentur für Eizellenspenden hoch. Zuerst als Spenderin, dann als Koordinatorin. Die Paare mit Kinderwunsch kommen meist aus dem Ausland. Daria verschwindet, Olenka will „das Kartenhaus“ der Agentur und ihres Lebens trotzdem zusammenhalten, doch nach einem Mord flieht sie mit falschem Pass. In Helsinki treffen sich die beiden nach Jahren zufällig am „Hundepark“ wieder, es kann sein, dass dort Kinder spielen, die aus ihren Eizellen entstanden sind.

Eine große Plane, aufgehängt an vielen Schnüren, dominiert die sparsam-raffinierte Bühne Sabina Moncys’ (auch Kostüme); je nachdem, an welcher Stelle hochgezogen wird, entsteht ein kleines Gebirge, entstehen Hängematten-Sitzgelegenheiten. Wenn Olenka putzt (in Helsinki), wienert sie zum Beispiel die Schnüre. Wenn es Orts- und Zeitsprünge gibt – und es gibt viele – wechselt sie die Schuhe und zieht einen Mantel oder ein Blouson über. Einmal schneit es eine ganze Weile auf die Plane, das sieht hübsch aus. Doch scheint in dieser Welt, in der junge Frauen Raubbau an ihrem Körper betreiben, um ein besseres Leben führen zu können, sowieso die Kälte des Unbehaustseins zu herrschen.

Ein krimiartiges Puzzle ist Sofi Oksanens Roman. Ein zunehmend kleinteiliger, hektischer werdendes Puzzle ist auch Simone Sterrs knapp dreistündige Inszenierung. Zu Beginn (2016 in Helsinki) hat Daria Olenka in einen Club geschleppt, eine Band aus jungen Frauen spielt mit Verve auf (Darja und Kate Bilenko, Erika Ehberger, Marie Shuta). Daria, Dascha Ivanova, ist eine hinreißende Tänzerin, das Publikum gibt Szenenapplaus.

Nach der Pause sind die Instrumente zugehängt. Da geht es im Galopp (Ort und Jahr werden stets eingeblendet) zurück in Olenkas Kindheit und Jugend – Germaine Sollberger auf blinkendem Skateboard, oder mit ihrem Vater, Roman Kurtz, unterwegs, der sie um einen Diebstahl bittet. Die Familie ist von Tallinn umgezogen, hat in der Ostukraine eine alte Frau aus ihrem Haus geworfen. Olenkas Vater wird ohne Kopf in einem Bergwerk gefunden. Olenkas Mutter, Levent Kelleli, schluchzt und bringt den Fernseher der Familie mit der Schubkarre raus. Der nächste Umzug? Die Mafia wird Olenka später anbieten, den Kopf ihres Vaters zurückzugeben, wenn sie Patientenakten kopiert.

Es wird hastiger, hektischer

Keinen Handlungsfaden möchte Sterr weglassen, die Thrillerstruktur beibehalten. Die Szenen werden kürzer, und wenn dann die Dialoge nur noch aus ein paar Sätzen bestehen, damit noch fehlende Infos abgehakt werden können, verflüchtigt sich jede Atmosphäre aus dieser Inszenierung. Es müsste aber vielleicht umgekehrt sein: erst die nötigen Infos, Krimi hin oder her, dann der lange Atem, mit dem die Figuren Grautöne und Schattierungen erhalten. So aber bleiben sie seltsam fern.

Stadttheater Gießen: 17., 23. Dezember. 7., 20., 21. Januar. www.stadttheater-giessen.de

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