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Journalistin Stanka, Sängerin Sky: Vidina Popov und Riah Knight in „Slippery Slope“. Foto: Ute Langkafel/MAIFOTO
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Journalistin Stanka, Sängerin Sky: Vidina Popov und Riah Knight in „Slippery Slope“.

Gorki-Theater

„Slippery Slope“ von Yael Ronen im Gorki in Berlin: Versteht er es? Versteht sie es?

  • VonUlrich Seidler
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„Slippery Slope“ im Berliner Gorki: Yael Ronen bringt schwarzen Humor und schmelzende Harmonien in die aktuellen Debatten. Das kann nicht schaden und wird mit Jubel belohnt.

Der weiße, männliche, heterosexuelle, schwedische Popstar Gustav Gundesson muss sich eine Menge vorwerfen lassen. In seiner Laufbahn, die ihn unter anderem in den Süden zu den Beduinen und in den Norden zu den Lappen führte, hier wie dort konkret vor allem zu den Töchtern, hat er sich am kulturellen Erbe von unterdrückten Minderheiten bedient und es rassistisch interpretiert. Das, was er im Zusammenhang mit seiner sehr jungen, einstigen Backgroundsängerin, der heute mit über 90 Millionen Followern auf Tik Tok sehr viel erfolgreicheren Roma-Sängerin Sky, „künstlerische Zusammenarbeit“, „Unterstützung“ und „Erleuchtung“ nennt, sei nichts andres als Missbrauch, Entwürdigung und finanzielle Ausbeutung gewesen. Nicht Sky habe Gustav etwas zu verdanken, sondern er ihr.

So ungefähr muss es in der Enthüllungsstory gestanden haben, und so fasst auch der holde und glockentönende dreistimmige Anklage-Song die Liste seiner Vergehen zusammen. Nicht, dass er etwas von alledem zugeben würde, aber so richtig empört ist er eigentlich nur, wenn man ihn, Gustav Gundesson, alt nennt. Dabei ist das Alter das einzige, was man nachprüfen kann.

Gustav ist abgestürzt und gibt an diesem Abend sein Comeback vor einer Handvoll treuer Fans (oder vielleicht doch Voyeure) in dem intimen Rahmen des kleinen Gorki-Theaters, das ja selbst einen Streit im Zusammenhang mit Machtmissbrauch, Einschüchterung und legendären Wutausbrüchen zu bewältigen hat.

Für die Regisseurin und Gorki-Erfolgsgarantin Yael Ronen sind solche Konflikte ein Quell der Ironie und Satire. Sie verarbeitet die Mechanismen von Selbstüberschätzung, Geniekult, Mobbing, Verletzung, Neid, Schuldzuweisung, Karrierismus und gepachteter Moral zusammen mit Shlomi Shaban, Riah May Knight und Italy Reicher zu dem fröhlichen Theaterabend „Slippery Slope“ (Rutschiger Hang). Unter der Gattungsbezeichnung „Almost a Musical“ ist ein stilistisch abgekochtes und musikalisch entwaffnendes Gesamt- und Kleinkunstwerk herausgekommen – mit verspielten Kostümen (Amit Ebstein), einem funkelnden, aber eben schiefen Laufsteg (Bühne: Alissa Kolbusch), der bei Bedarf in prächtige und abgründige Videowelten (Stefano di Buduo) getaucht werden kann. Fehlt eigentlich nur noch das Symphonieorchester.

Gustav ist ein Ausbund an Unbedarftheit, in seiner Version der Geschichte hat er Sky auf einem Pferdemarkt entdeckt, war entflammt von dem Talent und der sexuellen Anziehungskraft: „Wenn wir Musik machten, war es wie Liebemachen. Und wenn wir Liebe machten, war es wie Musikmachen“, ihrer beider Stimmen seien zu einer verschmolzen. In ihrem Duett geben Lindy Larsson und Riah May Knight ein magisches Beispiel dieser tränen- und trieftreibenen Harmonie. Skys Erinnerung sieht das Ganze ein bisschen nüchterner: Sie habe zu Beginn einfach nicht nein sagen können, sich dann von dem dunklen Charisma durchaus angezogen gefühlt. Außerdem sei Gustav ein bewundernswerter Musiker, dem sie viel, unter anderem auch viele wichtige Kontakte, zu verdanken habe.

Sie muss erst von der feministischen Investigativjournalistin Stanka (Vidina Popov) darüber aufgeklärt werden, was ihr Schlimmes angetan wurde. Dass Stankas Chefredakteurin Klara (Anastasia Gubareva) Gustavs Frau ist und ihren Posten mit einer verschwiegenen MeToo-Geschichte erkauft hat, fügt der moralischen Gemengelage ein paar dilemmatische Verwicklungen hinzu. Nicht einmal Stanka darf als Lichtgestalt der Aufklärung angesehen werden, hat sie doch auf der Jagd nach Reichweite schon eine Pornodarstellerin ihrer Illusionen beraubt und so in den Suizid getrieben. Nicht nötig zu erwähnen, dass der schönste Song der Show die Entschuldigungsballade von Gustav ist, angestimmt von seinem PR-Experten Kahn (Emre Aksizoglu).

Yael Ronen zeigt mit diesem – bei der Premiere stehend bejubelten – moralischen Opfer-Täter-Slapstick, wie man mit wenigen dramaturgischen Handgriffen die Wahrheit in unerreichbare Fernen schiebt. Und wie die Wahrheit, sobald man sie mit irgendwelchen Narrativen einfangen und benennen will, zur billigen Ableitung von Fiktionen wird.

Aber – der Programmzettel zitiert den Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari („Eine Kurze Geschichte der Menschheit“) – es ist nicht die Wahrheit, mit deren Hilfe der Homo Sapiens diesen Planeten erobert hat, sondern es ist seine Fähigkeit, an Fiktionen zu glauben und sich in diesem Glauben mit Millionen fremder Artgenossen zu verstehen und zu organisieren. „Solange jeder an die gleichen Fiktionen glaubt, befolgen wir alle die gleichen Gesetze und können deshalb erfolgreich sein.“ Das wird nach diesem Abend, der so blendend gelaunt den Zweifel feiert, ein bisschen schwieriger sein.

Gorki-Theater, Berlin: 7., 9., 10. November, 12., 19., 30. Dezember. gorki.de

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