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„Sister Act“ im English Theatre Frankfurt: Höchst unterhaltsamer Beistand von oben

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Von: Sylvia Staude

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Viele Schwestern namens Mary. Foto: Martin Kaufhold
Viele Schwestern namens Mary. Foto: Martin Kaufhold © Martin Kaufhold

Das English Theatre zeigt ein prächtiges „Sister Act“, während es noch um seine Bleibe fürchten muss.

Mit Speck fängt man Mäuse. Und mit fidelen Nonnen einen neuen Mietvertrag? Wie bei Nachtclubsängerin Delores geht es beim English Theatre Frankfurt derzeit um alles, da das Hochhaus Gallileo, in dessen Keller das Theater sein Zuhause hat, vom Investor Capitaland aus Singapur gekauft wurde (man kann gar nicht anders, als mit einem Namen wie „Capitaland“ ungebremsten Kapitalismus zu assoziieren). Der Mitte April auslaufende Mietvertrag, noch mit der Commerzbank, muss neu ausgehandelt werden. Direktor Daniel Nicolai legt vielleicht gerade darum die mit 14 Darstellerinnen und Darstellern (und was für welchen, dazu später mehr) bisher größte Produktion seines Hauses auf die Waagschale.

„Sister Act“ also, zuerst eine nun genau 30 Jahre alte Filmkomödie mit Whoopi Goldberg in der Hauptrolle. Die Loungesängerin Delores wird Zeugin, wie ihr (verheirateter) Liebhaber und Arbeitgeber einen Mann erschießt. Polizist Eddie bringt sie in einem Kloster in Sicherheit, dort trifft moralische Lockerheit auf strenge kirchliche Regeln und eine Oberin, die diese (bisher) auch durchzusetzen wusste (im Film wurde sie von Maggie Smith gespielt, das sagt alles). Mother Superior möchte sie gern schnell wieder loswerden, aber Gott scheint andere Pläne zu haben ... Die auch das Kloster und seine Kirche retten werden – die an Investoren verkauft werden soll.

Seit 2006 gibt es die Musical-Fassung mit Musik von Alan Menken (eine komplett andere als im Film), von Glenn Slater sind die oft herzhaft sprachspielerischen Texte. Im English Theatre geht es unter der Regie und in der Choreografie von Ewan Jones höchst zügig voran, umständliche Einleitungen oder Erklärungen spart man sich. Damit rücken aber auch Tanz und Gesang so sehr in den Vordergrund, dass der pure, überkandidelte Spaß an diesem Abend jedes der naheliegenden ernsteren Themen sticht.

Der pure Spaß ist möglich, weil Stewart J. Charlesworth eine wandelbare, zwar farbenfrohe, aber durchaus auch bunte Kirchenfenster evozierende Bühne entworfen hat. Über die Kulissen flitzende Lichtpunkte sind Verfolgungsfahrten. Und der Altar wird flugs zum Bestandteil von Eddies Wohnung.

Der pure Spaß ist aber vor allem deswegen möglich, weil ein Ensemble zusammengestellt wurde, das sowohl stimmlich als auch tänzerisch keine Wünsche offen lässt. Und handelt es sich schon im Original von 1992 um ein veritables Wunder, dass Menschen, die so gar nicht singen können, plötzlich fantastisch singen können, so kommt in der Produktion des English Theatre noch dazu, dass die Schwestern im Handumdrehen so herrlich synchron, mitreißend und, ja, auch sexy tanzen, dass jede lange für so etwas trainierende Sowtruppe vor Neid erblassen muss.

Im Zentrum Kalisha Amaris als Deloris, Energiebündel mit laxer Moral, aber großer Stimme und goldenem Herzen. Margaret Preece gibt ihre, wenn man das so sagen kann, Gegenspielerin, die auch nicht nur rigide, sondern eher skrupulös ist. Die Sisters, die alle Mary heißen und alle mit Begeisterung (und Können) ihre Stimme erheben, sobald Delores es ihnen sagt, sind: Laura Marie Benson, Xenoa Campbell-Ledgister, Ruby Davies, Kimberley Ensor, Ceris Hine, Vanessa Grace Lee und Biancha Szynal. Bleiben die Männer, zuerst die fiesen: Jonathan Andre als Curtis, ein mordlüsterner Schuft, aber hinreißend eleganter Tänzer; Callum Tempest als angesichts des Nonnen-Auftritts vor Begeisterung schier ausflippender Monsignore; Joshua Lear und Lucas Piquero als Handlanger des Schufts (und Messdiener); schließlich Alfie Parker als Delores schon seit der Schulzeit anhimmelnder Lieutenant Eddie.

Mit „Sister Act“ kleckert das English Theatre in prekärer Lage nicht, sondern klotzt. Das Premierenpublikum geht so begeistert mit, dass die sicher nicht preiswerte Rechnung aufgehen könnte, weil zum Beispiel mancher mitmacht bei der Kampagne #TheETFMustStay.

English Theatre Frankfurt: bis 2. April. www.english-theatre.de

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