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„Sinfonie des Fortschritts“: Deprimierender Kontinent

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Von: Judith von Sternburg

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„Sinfonie des Fortschritts“ – für Empfindsame liegen Ohrenstöpsel bereit. Foto: Ramin Mazur
„Sinfonie des Fortschritts“ – für Empfindsame liegen Ohrenstöpsel bereit. Foto: Ramin Mazur © www.raminmazur.com

Nicoleta Esinencus beinharte „Sinfonie des Fortschritts“ beim Festival Politik im Freien Theater.

Wird es zu etwas nutze gewesen sein, sich anderthalb Stunden lang in Grund und Boden geschämt zu haben? Vermutlich nicht, und doch hilft es vielleicht dabei, einfach einmal kurz den Mund zu halten oder – je nachdem – aufzumachen, wenn Europa wieder platzt vor Selbstzufriedenheit über seine Werte etc. „Es ist nicht zivilisiert, nicht zu recyceln, aber seinen Müll fürs Recycling ins Ausland zu exportieren, ist zivilisiert, oder?“ – „Erdbeeren zu pflücken, ist nicht zivilisiert, aber Erdbeeren zu essen, ist zivilisiert, oder?“ Nun kann man sagen, das wäre alles eh klar, aber das stimmt erstens nicht und hat zweitens keine Priorität. Anders als der Stolz auf europäische Werte, zum Beispiel.

Sie lesen uns die Leviten

Das eigentliche Wunder dieses Abends beim Festival Politik im Freien Theater in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt ist dabei, dass er sehr unterhaltsam ist. Dass er – obwohl für Empfindsame Ohrenstöpsel bereitliegen – keinen Angriff darstellt, obwohl unsereinem, der es doch ganz gut, zumindest okay hier in Europa findet, die Leviten gelesen werden. Damit angefangen, dass es europäischere und weniger europäische Europäer und Europäerinnen gibt, Moldawier und Moldawierinnen sind weniger europäisch, Polen und Polinnen aus so richtig europäischer Sicht nicht immer europäisch genug. Damit fortgesetzt, dass Geschichten über die Arbeitsbedingungen bei Amazon und auf dem Feld und anderswo, in Deutschland und in Finnland und anderswo, erzählt werden. Und am Schluss steht „die Depression Europa“, die die an sich fidelen Leute auf der Bühne voll erfasst hat. Und nichts, nichts hat das von den europäischen Werten doch vermutlich überzeugte europäische Publikum der sanften Kanonade entgegenzusetzen.

„Sinfonie des Fortschritts“ ist eine Koproduktion des Berliner HAU Hebbel am Ufer mit dem moldawischen Theaterkollektiv teatrus-palatorie aus Chisinau, das seit 2017 keine eigene Bühne mehr hat. Die Mitgründerin des Theaters, Autorin und Regisseurin Nicoleta Esinencu hat das Stück entwickelt, das wirklich musikalischen Regeln folgt, indem Bohrmaschinen und damit verwandte elektrische Geräte ins Zarte und Aparte konfiguriert den Rhythmus und Klangteppich vorgeben. Es ist ein Knackern, Brummen, Surren, Grollen. Drei in Baustellen-Montur bedienen die Geräte und erzählen auf Moldawisch-Rumänisch, Russisch und Englisch (alles übertitelt) von postsowjetischem Elend und Wanderarbeit. Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan und Kira Semionov sind konziliant und heiter, aber in der Sache ist kein Vertun.

Politik im Freien Theater in Frankfurt: noch bis 8. Oktober, auch die „Sinfonie des Fortschritts“ noch einmal (um 18 Uhr) in den Kammerspielen. www.politikimfreientheater.de

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