Heidelberger Stückemarkt

Wir sind echt so bescheuert

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Maria Milisavljevics "Beben" eröffnet in Erich Sidlers starker Inszenierung den Heidelberger Stückemarkt.

Wie die Faust aufs Auge passt Maria Milisavljevics Stück „Beben“ in unsere aufgeregte Welt. Ein Grüppchen Netznutzer ist immer ganz dabei, macht Späßchen, kriegt Mitleid, Panik, nichts und alles mit. Tod, Quatsch, Gefühl ergeben eine wirre Gemengelage, irgendwo am Rande tummeln sich die nicht mehr hierarchisierten, aber mit Genuss und Kurzzeitempathie ventilierten Fakten (aus dem Jahr 2015, aus der Politik und dem Vermischten). Das titelgebende „Beben“, hervorgerufen durch das ungute Lachen des „Mannes an der Kante von Ulro“, führt in die mythologische Welt des Dichters und Malers William Blake, an der sich auch Czeslaw Milosz in seinem Aufsatz „Das Land von Ulro“ orientierte. Den Figuren entgeht das, obwohl sie im Internet nachschauen könnten. Sie posten lieber was.

Es sind die schönsten Stellen des übervollen Stücks: Die sensationell inadäquate, hilflose Reaktion, die lebhafte Null-Reaktion auf mögliche Gefahren (Veränderungen). Man hat Angst, aber man würde auch gerne schnell den nächsten Level zu Ende spielen. Irre eng beieinander liegen apokalyptisch orientierte Verschwörungstheorie und substanzloser Optimismus. Anderes zerfasert. Wenn Milisavljevic etwa die Geschichte vom Soldaten erzählt, der einen tauben Jungen erschossen hat, weil der nicht stehengeblieben ist, gerät sie selbst in das Fahrwasser von halbgarer Betroffenheit und von TV-Film-Verwicklungen.

Umso schärfer und straffer wirkt die Inszenierung von Erich Sidler, die jetzt den Heidelberger Stückemarkt eröffnete: Für „Beben“ bekam Milisavljevic, 1982 geboren, im vergangenen Jahr den Autorenpreis. Sidler setzt sechs sehr sportliche und überhaupt auf Draht befindliche Schauspielerinnen und Schauspieler immens in Gang. Zusammen mit Valentí Rocamora i Torà (Choreografie), den sich der Intendant des Deutschen Theaters Göttingen aus seinem Haus mitgebracht hat, entwickelt er eine zackige Abfolge von Szenen aus wirren, aber halt auch engagierten Zuständen. Auf schwarzen Stufen in Workout-geeigneter Kleidung (Ausstattung: Dirk Becker) wird gezappelt, gezittert, trainiert, geplappert, getanzt, geglotzt. Sie kommen ins Schwitzen und nicht vom Fleck. Schon haben sie die jüngste Panikattacke vergessen. Ständig passiert ja etwas Neues. Sie lachen sich tot. Sie sind total verkopft. Köpfe können besonders kopflos sein.

An sich wussten wir das meiste davon schon über uns. Eine Inszenierung über den virtuellen Raum kommt aber selten mit einer so unmittelbaren Live-Vorstellung aus. Körperbetontes Theater führt selten zu einem so quicklebendigen, dabei elend deprimierenden Ergebnis. Wir sind auf rein gar nichts vorbereitet.

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