Der Tänzer Louis Stiens (oben) und die Schauspielerin Josephine Köhler, Todsünden spielend. Foto: Oliver Willikonsky/dpa

Staatstheater Stuttgart

Wir sind alle kleine Sünderlein

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Brecht/Weills „Sieben Todsünden“ und heitere Geschlechtsteil-Gesänge von Peaches im Stuttgarter Schauspiel.

Die echte Peaches als Konterpart in einer Aufführung von Kurt Weills „Sieben Todsünden“, das schien ein feiner Coup der Regisseurin Anna-Sophie Mahler: Die Kanadierin besingt seit Jahren die sexuelle Selbstbestimmung aggressiv, saftig, in dem Film „Lost in Translation“ von Sofia Coppola musste der Peaches-Song „Fuck the Pain Away“ auffallen. Im zweiten Teil des Abends, der eigentlich ein Peaches-Konzert war, konnte man die Aufforderung wieder und wieder hören, den Schmerz einfach wegzuficken. Sie wirkte nun aber, wie der ganze Auftritt mit Vagina-Kostümen, Plastikbrüsten, ein bisschen Twerking und Rammelbewegungen, gestrig. Irgendwie spießig. Im Dutzend schleuderte, röhrte Peaches four-letter words wie dick und clit in den Zuschauersaal des Stuttgarter Schauspiels – und am Ende applaudierte das Publikum sehr freundlich. Stell dir vor, Kunst möchte provozieren und keiner regt sich auf.

Weills „Die sieben Todsünden“, ein „Ballett mit Gesang“, zu dem Bertolt Brecht die Liedtexte schrieb, George Balanchine 1933 die Uraufführungschoreografie schuf, erzählt satirisch überzeichnet von der auch sexuellen Ausbeutung der Tänzerin Anna II im Kapitalismus. Während sie sich plagt und prostituiert, trägt Anna I – in der Stuttgarter Inszenierung ebenfalls Peaches – den Großteil der Lieder, damit der traurigen Geschichte von Anna II vor.

Von der Staatsoper Stuttgart kommen außerdem vier Sänger hinzu, die tadellosen Elliott Carlton Hines, Gergely Németi, Christopher Sokolowski und Florian Spiess. Das Ballett leiht den Halbsolisten Louis Stiens aus, der sich selbst als (bei Weill nicht vorhandene) Anna III choreografiert hat. Zuletzt tritt die ehemalige Ballerina Melinda Witham zu Charles Ives’ „Unanswered Question“ und in einem höchst seltsamen, wie angeklebt wirkenden Abspann auf. Ihr hat Stiens die pathetischen Armbewegungen des Ausdruckstanzes zugedacht, aber außer dass es ihn zur Entstehungszeit der „Todsünden“ auch gab, hat das eine mit dem anderen nicht viel zu tun.

Das etwa 35-minütige „Ballett mit Gesang“ spielt in Stuttgart, das ist nun keine Überraschung, im Boxring (Bühne: Katrin Connan): klar, Kapitalismus ist Kampf. Louis Stiens schlägt sich mit Josephine Köhler, Anna II. Die Schauspielerin schlägt sich übrigens auch im übertragenen Sinn famos, mit körperlicher Präsenz und Wucht, egal, ob sie boxen oder tanzen soll. Am Ende der „Todsünden“ geht das von Stefan Schreiber geleitete Staatsorchester ab und sitzt Köhler am Boxring-Rand. Sie spricht die „King Kong Theorie“, einen Text der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes, spricht alle hässlichen, „schlecht gefickten“ Frauen an, kommt zum Schluss, dass es die perfekte Frau nicht gibt.

Also geht es an dem Abend auch um den Geschlechterkampf und wie man seinen selbstbestimmten Weg geht, egal welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. Demonstrativ wurden den Darstellern geteilte Frisuren verpasst, kurzgeschoren auf der einen Kopfseite, langzottelig auf der anderen – freilich könnte man es auch für einen verunglückten Vokuhila halten. Im ersten Teil trägt Peaches dazu einen sandfarbenen Hosenanzug (Kostüme: Marysol del Castillo). Für den zweiten hat sie einiges aus ihrer Sammlung mitgebracht.

Vor geschätzten zwei Jahrzehnten war so ein Peaches-Auftritt mit lichtleinblinkendem Schritt, Vulva-Kragen, mit der Aufforderung, seinen Schwanz in die Luft zu recken und gleichzeitig die Klassenschranken einzureißen, vielleicht gewagt, sicher aber frisch und frech. Jetzt ist er etwas, das im Staatstheater angekommen ist, etwas, das auch nichts anderes mehr vermittelt als: der Widerstand, Underground, Off-off-Act ist aufgesogen worden vom Mainstream, dem es nach ein bisschen Widerstand, Underground, Off-off verlangt – der die Reste von Provokation allerdings neutralisiert.

Am augenfälligsten wird das, wenn ein riesiger, halb durchsichtiger Penisballon aufgeblasen wird. Er liegt am Boden und Peaches geht hinein, geht darin etwas hin und her (singt dabei), kommt wieder raus – und schnell raffen und falten Bühnenarbeiter das Teil zusammen. Das ist dann auch noch unfreiwillig komisch, wenigstens müsste er zerplatzen.

Es zerplatzt an diesem Abend aber die Illusion, man könnte heute noch mit Obszönitäten das Publikum eines sogenannten Musentempels erschrecken. Das nimmt die Sache äußerst gelassen.

Termine

Schauspiel Stuttgart: 7., 12., 17. Februar. www.schauspiel-stuttgart.de

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