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Die jungen Leute: Marina Rebeka als Amelia Grimaldi, Charles Castronovo als Gabriele Adorno.

Salzburger Festspiele

„Simon Boccanegra“: Make Genua great again

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Eine Kopfgeburt und auch die nur halb: Andreas Kriegenburg geht Verdis „Simon Boccanegra“ bei den Salzburger Festspielen viel zu beiläufig an.

Die Strecke der fünf großen Salzburger Musiktheaterpremieren fand nun einen irrelevanten Abschluss, und das ausgerechnet mit Andreas Kriegenburg und Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“. Bis an die Schwelle der Lächerlichkeit drängt in diesem Meisterwerk die so nur in der Oper zu erzeugende Spannung, aber wenn es überhaupt lächerlich wird, dann ist es die Lächerlichkeit von Kleist oder Kafka: Etwas kann so arg sein, dass man kichert, aus Verlegenheit oder als Übersprunghandlung. Nein, man sollte im „Simon Boccanegra“ nicht darüber kichern, dass sich der vergiftete Simon mangels anderer geeigneter Gegenstände wie von ungefähr auf einen Flügel (also das Tasteninstrument) legt. Man legt sich auch nicht wie von ungefähr auf einen Flügel, man muss schon draufklettern. Ja, da wurde gekichert, da wurde sogar gelacht.

Unglück und Glück befinden sich in dieser Oper in irrem Verein. Da gibt es etwa einen Schurken, der sich unter furchtbarem Gruppendruck selbst verfluchen muss, daraufhin er aber nicht, wie es vernünftig wäre, ins Kloster geht, sondern auf Teufel komm raus einen zur Sicherheit doppelten Mord gegen seinen Widersacher einfädelt. Dieser taumelt daraufhin ungefähr die letzte halbe Stunde lang seinem Vergiftungstod entgegen und stirbt melancholisch ins milde – Tenor und Sopran haben überlebt und dürfen heiraten –, aber nun von überwältigender Traurigkeit überzogene Ende hinein. Nein, das Publikum sollte auch nicht in den Schluss der Musik hineinklatschen – und hier meinen wir nicht etwa einen Schlussakkord, sondern wirklich den gesamten Schluss –, nur weil er so leise ist.

Vielleicht allerdings auch, weil es ihm an diesem Premierenabend seinerseits an der so naheliegenden Spannung aus dem Orchestergraben fehlte. Valery Gergiev, nach seinem nicht großen Glück mit dem Bayreuther „Tannhäuser“ im Salzburger „Simon“ mit besonderer Neugier beäugt, dirigierte die Wiener Philharmoniker sehr verhalten, verhalten tatsächlich bis ins Spannungslose. Man kann auch sagen: bis ins ruhend Nachtschwarze nach Art einer Mussorgsky-Oper, aber spannungslos war es dennoch. Ein zurückgenommener, stark abgedämpfter Verdi ist zwar eine Option gerade in diesem in der Tat dunkel und modern grundierten Werk, aber wenigstens im Zusammenhang mit Kriegenburgs Inszenierung ging sie nicht auf. Zu viel Spannungslosigkeit und Sängerinnen und Sänger, die sehr gut sangen und darstellerisch irgendwie ihr Ding zu drehen schienen (undenkbar in einer Festspielinszenierung, aber über weite Strecken sah es so aus).

Vorneweg René Pape als Fiesco, der immer auch René Pape blieb, aber das störte nicht. Mächtig und doch nuancenreich entlockte er seiner Partie alles Menschliche, das sie zu bieten hat. Marina Rebeka bezauberte als Amelia mit glockenreinem Sopran, gelegentliche Schärfen in der Höhe verdutzten da. Bestechend dann wieder die samtene Übereinstimmung mit dem italienisch schluchzenden Gabriele-Adorno-Tenor Charles Castronovos. Luca Salsi war ein einwandfrei überzeugender Titelheld, dem die Regie besonders wenig behilflich war (denn was um alles in der Welt ist das für ein Mann, dieser Simon?). André Heyboer, als Schuft Paolo stimmlich in Maßen vehement, zeigte die individuellste Figur des Abends. Vom Fluch gegen sich selbst rettete er wahrhaftig, was in der kühlen Umgebung davon zu retten war. Anstrengende Rollen, denen sich das Ensemble bis zum Schluss gewachsen zeigte.

Dass Pape dezent mit dem Ärmel seines zur Abwechslung einmal ausgezogenen schwarzen Mantels kämpfte, und Salsi, in derselben Szene giftdurchströmt auf den einzigen Stuhl weit und breit sinkend, mit diesem fast nach hinten gefallen wäre: Tücke des Objekts, das sich gegen die Beiläufigkeit des Bühnengeschehens zu verwahren schien.

Auf die Bühne des Großen Festspielhauses, in ihrer Breite voll genutzt, hatte Harald B. Thor in die rechte Hälfte eine gewaltige Rundarchitektur in modernen hellen Quadern gesetzt, die im Drehen ihr Inneres mit großer Treppe (auf der selbst singende Sänger, unfassbar, zum Teil nicht zu sehen waren) und Galerien offenbarte. Vor der linken Hälfte zunächst ein ebenfalls enorm großer duftiger Vorhang, hinter dem der Flügel, der Stuhl, ein an die Rückwand projiziertes sanftes Meer und ein Stück Dschungel auftauchten. Das lud im Allgemeinen zu Assoziationen über paradiesische Vorzustände, Traumziele und Wildnis ein. Die luxuriöse Kombination aus Bombast und Leere war zweifellos gewollt, jedoch: Lange keine große Inszenierung gesehen, die das eigene Bühnenbild so wenig nutzte, bespielte, ihm so wenig Sinn entlockte (selbst in Sellars’ „Idomeneo“ mit seinen Glasobjekten ging es da verhältnismäßig ab).

Man trug spröde Bürokleidung (Tanja Hofmann) und benutzte ohne Unterlass elektronische Kommunikationsgeräte – dies sozusagen die Setzung: Heute machen das Volk und die Eliten gleichermaßen am Handy rum und twittern („Make Genua great again“). Pfiffig nur, als es nach der Pause gerade so weiter ging, während im Publikum noch einer mit seinem diensteifrigen Siri kämpfte. Ansonsten lähmte es die Bewegung total, ohne dass ernsthaft Neues daraus entstanden wäre. Der wichtige Chor, die kompakt und diszipliniert singende, mit engelshaften Frauenstimmen versehene Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor unter Ernst Raffelsberger, bewegte sich halt tippend in Zeitlupe. Kriegenburgs Überdruss herkömmlichen Massenszenen gegenüber und seine Suche nach einer Alternative blieben eine Kopfgeburt. Gelungener nachher der Kampf unter Genuesern: ein stilles Abschlachten, man hört den Atem der Kämpfer.

Das Publikum jubelte für die Sänger. Aber natürlich sollten Festspiele es sich nicht leisten, hinter den nicht einmal so besonderen „Simon Boccanegra“-Inszenierungen in Mainz und Darmstadt zurückzubleiben, an die man nun mit Wohlwollen dachte.

Salzburger Festspiele, Großes Fest- spielhaus: 18., 20., 24., 27., 29. August. www.salzburgerfestspiele.at

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