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 Hochzeit und Trauerfeier sind hier nicht auseinanderzuhalten. Rowley und Gerhaher.
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Hochzeit und Trauerfeier sind hier nicht auseinanderzuhalten. Rowley und Gerhaher.

„Simon Boccanegra“ in Zürich

„Simon Boccanegra“: Der grübelnde Volkstribun

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Das Opernhaus Zürich zeigt, vorerst als Stream auf Arte, Verdis „Simon Boccanegra“ mit Christian Gerhaher.

Es lohnt sich trotz allem unbedingt, sich Christian Gerhahers Debüt als Simon Boccanegra in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper anzusehen. Die live auf Arte übertragene Premiere am Zürcher Opernhaus – im Publikum: 50 Glückspilze, die applaudierten, wie sie nur konnten – ist zudem in der Mediathek des Senders über Wochen verfügbar. Diese Niedrigschwelligkeit ist so bequem wie beunruhigend.

Das Zürcher Haus, es wurde schon staunend darüber berichtet, hat sich sehr früh in der Pandemie für einen rigorosen technischen Weg entschieden. Das Orchester spielt in dem einen guten Kilometer entfernten Probenraum und wird zugeschaltet. Das ist hochwertige, ausgeklügelte Technik – großartig, im Pausenbericht zu sehen, wie das Ausgeklügelte dennoch immer auch ein von ein paar wenigen Fexen durchgezogenes Spitz-auf-Knopf ist –, und es scheint gut zu funktionieren. Im Fernsehen merkt man ohnehin nichts davon. Wenn das Ensemble auf der Bühne gelegentlich Richtung des Dirigenten Fabio Luisi linst, mag es eine gespenstische Vorstellung sein, dass diese Verbindung allein via Bildschirm läuft. Andererseits sind auch in heilen Zeiten in Opernhäusern längst zusätzliche Bildschirme installiert. Andererseits ist es ein himmelweiter Unterschied, ob Musizierende sich gemeinsam in einem Raum befinden oder nicht. Andererseits ermöglicht das Verfahren große Opernaufführungen, volle Orchesterbesetzungen, Choropern.

Denn auch der Chor wird aus dem Probensaal eingespielt, so dass es hygienisch maskierte Statisterie ist, die zwischenzeitlich einmal ganz kurz auf die Bühne quillt und gleich wieder rücksichtsvoll verschwindet. Hier wird es allerdings auch szenisch bedeutsamer. Der volksnahe Doge Boccanegra, selbst ein Selfmademan, ist in Zürich zu keinem Zeitpunkt mit seinem Volk zu erleben. Verdi selbst spielt zwar mit dem Drinnen-Draußen-Kontrast und lässt den Chor aus der Ferne grummeln und schreien, aber irgendwann wendet sich Boccanegra selbstverständlich schon direkt an die Massen. Alle Appelle an Ruhe, an Einigkeit (bei der Gelegenheit natürlich auch gleich die Einigkeit Italiens) und Versöhnung sind reine und traurige Theorie, wenn kein Chor es bezeugt, indem er sich beruhigt und friedlich wabert, und die Männer nehmen ihre Kappen vom Kopf und die Frauen legen ihre Arme um die Kinder.

Denn einiges spricht dafür, dass es so gekommen wäre. Die Inszenierung von Intendant Andreas Homoki setzt auf das Repertoire vertrauter Operngesten, und es ist ausgerechnet die durch die Pandemie erzwungene Distanz, die dem Händeringen, Kopfabwenden, dem leidvollen Blick und dem schmerzlich verzogenen Mund Spuren jenes wirklich pechschwarz Abgründigen hinzufügen, das über „Simon Boccanegra“ liegt. Die Schicksalsschläge, von denen es hier wimmelt, beleben nicht das Geschäft, sondern sie füllen die Bühne mit Menschen, die das Glück (und das Glück ist von der Liebe bei Verdi und vielleicht im Leben einfach nicht zu trennen) flüchtig nur kennengelernt haben.

Die angenehm tief grundierte Sopranistin Jennifer Rowley als Amelia, der weiche, große Verdi-Bass Christof Fischesser als Fiesco oder der Tenor Otar Jorjikia als strahlender Adorno werden nun aber darstellerisch doch recht routiniert geführt. Der Bariton Gerhaher hingegen wird wohl der verstörteste und verstörendste Simon sein, den wir am Ende unseres Lebens gehört haben werden (es ist nicht möglich, „Simon Boccanegra“ zu hören, ohne an das Ende des Lebens zu denken).

Das Verquälte, Befangene, Verlegene, dieses bei einem Bühnendarsteller immer irritierende Verschwinden-Wollen ist nicht mehr unvertraut. In dieser Hinsicht erinnert Christian Gerhaher an Woody Allen, der gerade in kostümierter Umgebung immer ganz ein Mensch seiner Zeit und in erster Linie er selbst bleibt. Aber auch Homoki setzt das wirkungsvoll ein, nichts ist übrig vom einst kühnen und immer noch energischen Anführer Boccanegra. Endgültig wird er zum Grübler, indem Gerhaher gesanglich jeden Ton auf die Goldwaage legt, keine Wendung entgleitet ihm einfach mal so schön und beiläufig. Alles wird rasend kompliziert und detailliert. Sehr fesselnd.

Die bürgerliche Tragödie, die hier insgesamt freilich arg konventionell erzählt wird, unterstreichen die klassischen hohen Türen in Christian Schmidts drehenden Bühnenbildern wie auch seine geschmackvollen Kostüme. An die 1920er Jahre zu denken, wie die Zürcher es tun, liegt nicht besonders nahe und zeigt sich auch kaum, außer in der etwas aufdringlichen Präsenz einer Schusswaffe.

Auf Arte in der Mediathek (Arte Concert).

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