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Brünnhilde entgegen: Siegfried und das Waldvöglein am Staatstheater Kassel.

Staatstheater Kassel

„Siegfried“ in Kassel: Fafners Lebensmittelvorräte

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Der Kasseler „Ring“ hat den „Siegfried“ erreicht, musikalisch ein Fest, szenisch durchwachsen, aber unpeinlich.

Richard Wagners „Siegfried“ kann schon dadurch beeindrucken, dass Peinlichkeiten vermieden werden. Das ist nicht leicht dahin gesagt. Mit Wagners Humor, mit der Action und nachher mit dem radikalen Bruch hin zu tristanischer Liebesekstase fertig zu werden, ist eine Herausforderung für den Helden und den Regisseur. Am Staatstheater Kassel gehen beide das mit Geschick an.

Der Regisseur, Markus Dietz, mag insgesamt dabei sein, einen „Ring“ zusammenzusetzen, dem es am Ende allen bisherigen Eindrücken nach an Profil fehlen wird, aber erneut gelingt ihm eine in Teilen überzeugende Inszenierung. Nach dem „Rheingold“ und der „Walküre“ hängt das erneut vor allem mit den Akteuren zusammen, und mit einer einerseits bescheidenen, andererseits aber doch plausiblen Personenführung.

Held doppelt besetzt

Der Held, Siegfried, war in der besuchten Vorstellung wegen einer offenbar totalen stimmlichen Unpässlichkeit von Daniel Brenna doppelt besetzt. Der Abend insofern ein Unikat, die Wirkung ausgezeichnet. Während Brenna ein ungebärdiges, nicht unsympathisches Kind spielte, sang vom Rand aus Stefan Vinke ein, ein reifer, angenehm unheldenhaft und eher dunkel grundierter, dabei topfitter Tenor. Der Kontrast zwischen dem Schweiß auf der Bühne und dem kühlen, sozusagen perfekten Zuschauer an der Seitenlinie machte Effekt. Die Figur wurde schillernder, und ohnehin kann Siegfried mit der doppelten Kraft etwas anfangen.

Mime und Siegfried, sie haben im Bühnenbild von Ines Nadler eine lange gemeinsame Geschichte. Gerne hätte man mehr davon gesehen, auch in den Figuren selbst. Was auf den ersten Blick nämlich erschien wie der vielfach eingesetzte Gerümpel-Buden-Haushalt Mimes, zeigte auf den zweiten die zeitlichen Schichten eines Zweipersonenhaushaltes. Es ist nicht so, dass Mime das Kind nicht versorgt hätte, es gibt viel Spielzeug, vernehmlich mit Drachen (auch auf Siegfrieds Shirt flattert einer, Kostüme: Henrike Bromber), noch älter der Kindersitz, das Schaukelpferd. Aus taktischen Erwägungen heraus hätte es auch weniger Dino-Spaß getan. Selbst von einer Zuneigung nichts mehr übrig ist, zeigt Arnold Bezuyen einen mehr gemütlichen als arglistigen Zwerg – fabelhaft sein greller, markanter Tenor zu Vinkes abgeklärter Stimme. Die etwas überstrapazierte Idee, die Sängerinnen und Sänger immer einmal wieder auf dem Rand vor dem Orchestergraben entlangspazieren zu lassen – so baumeln beim Sinnieren Beine lustig in die erste Reihe –, schafft eine ungewohnte Nähe, eine Kammeropernnähe, die durch die Souveränität des Ensembles tatsächlich intensitätssteigernd ist.

Stimmlich gleich die Gala

Auch der Wanderer wandert hier entlang, aber von Nähe kann bei einem immer noch coolen und in Kassel nicht besonders melancholischen Gott natürlich keine Rede sein. Egils Silins singt ebenfalls groß, musikalisch gönnt sich das Staatstheater für seinen „Ring“ die Gala-Version bereits in den Repertoirevorstellungen.

Groß auch Fafner, der Riesenwurm, im Video erscheint der verstärkt singende Rúni Brattaberg beim Verzehr einer roten Masse, über die man sich lieber keine näheren Gedanken machen würde. Besser schaut man auch gar nicht hin. Allerdings haben sich auf der Bühne nun viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt Kassel und Umgebung eingefunden, die weiße Unterwäsche tragen, dem giftigen Nebel eines vermutlich schnaubenden Drachen ausgesetzt sind und die Lebensmittelvorräte Fafners vorstellen dürften. Warum sie Alberich ans Leder wollen, bleibt vage, Thomas Gazheli als smarte Form des Bösewichts sang weit makelloser, als es die Ansage wegen Erkältung fürchten ließ.

Mit dem Waldvöglein (glockenrein singend: Elizabeth Bailey, neckisch tanzend: Dalia Velandia) und Erda (Edna Prochnik) im weißen Laken wird es nun ein bisschen sehr lieb, auch ein bisschen sehr eins zu eins. Die Wandlung des Vögleins zum Wotan-Raben, jedenfalls Satansbraten gehört zu den Ideen, die im Ungefähren bleiben. Gelungen aber der Schluss, hier zielt Dietz wieder konsequent auf das möglichst Unpeinliche und hat mit Kelly Cae Hogan auch eine elegante, stimmlich sich neben dem nun mächtig auffahrenden Vinke gut behauptende Brünnhilde dafür.

Musikalisch war dieser Abend ein Fest, nicht zuletzt durch das dezent blühende, Raum zum Atmen lassende Orchester unter Francesco Angelico.

Staatstheater Kassel:26. Oktober. Am 7. März 2020 hat als vierter Teil die „Götterdämmerung“ Premiere.

www.staatstheater-kassel.de

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