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„Siegfried“ in Bayreuth: Aus dem Leben des jungen Hagen

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Von: Judith von Sternburg

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Siegfried bestaunt Brünnhilde, hinten: Grane.
Siegfried bestaunt Brünnhilde, hinten: Grane. Enrico Nawrath/BF/dpa © dpa

Aufziehende Gewitter: „Siegfried“ in Bayreuth.

Der Bayreuther „Ring“ in der Inszenierung von Valentin Schwarz hat „Siegfried“ erreicht, den Abend mit dem Problembären und überhaupt einigen Problemen: Es gilt, mit Richard Wagners grobschlächtigen Vorstellungen von Humor fertigzuwerden und mit Siegfried, dem nachher so weidlich ausgeschlachteten Helden mit dem rassistischen Instinkt und der fundamentalen Respektlosigkeit gegen Autoritäten. Nach dem ganzen Um-sich-Schlagen – und wenn Siegfried um sich schlägt, gibt es Tote – muss er im dritten Akt ad hoc zum Liebenden von Tristan-Format werden.

In der „Götterdämmerung“ wird Hagen erklären, er habe ihn, Siegfried, nur an seiner Kraft erkannt. Diesmal ist das eine Lüge, wie wir gleich sehen werden, aber Kraft ist es tatsächlich, was ein Siegfried-Tenor in hohem Maße mitbringen muss. Andreas Schager hat sie so sehr, dass er das Schmiedelied ähnlich beiläufig singen kann wie andere bei der Arbeit ein bisschen vor sich hin summen würden, im zweiten Akt keineswegs undifferenziert über sein Leben nachdenkt, Mime anschnauzt und den Waldvogel anflirtet und sich im dritten nach dem lautstarken Abservieren des lästigen Alten (vormals: Gott) als wirklich strahlender Liebhaber empfiehlt. Nicht schreiend, sondern singend.

Daniela Köhler ist eine Brünnhilde mit schlanker Brillantstimme, aber dass sie einen Jahrhundertschlaf hinter sich hat und Siegfried drei Stunden Dauergesang, merkt man nicht. Szene für Szene ist Schager idealtypisch und wie frisch erholt, dazu stellt er noch den vermutlich sportivsten Spitzensiegfried in diesem ohnehin schmalen Segment vor. Als enthusiastischem Darsteller gelingt es ihm, mit einiger Verve der hier vorgesehene Oberproll zu sein und doch bei Bedarf im Handumdrehen ein freundlicher Gesell. Singend kann er sich widerspenstige Kleidungsstücke über den Kopf ziehen. Cornelius Meister und das Festspielorchester sorgen allerdings nicht nur für eine sängerfreundliche Musik, sondern transformieren alles Derbe auch weiterhin höchst plastisch in Finesse und Kultur.

Grobschlächtige Vorstellungen von Humor: Es ist kein Zufall, dass die bei aller Verrätselung und Ideenflut bisher so vordergründige wie beliebige Neuinszenierung im „Siegfried“ erstmals einen ernstzunehmenden Dreh bekommt. Mime tritt als Kindergeburtstagszauberer im verrumpelten Haushalt auf, Arnold Bezuyen spielt und singt das mit Fassung. Alkohol, Waffen, Pornomaterial sind zur Hand, und es gibt selbstgebastelte Püppchen, die einem bekannt vorkommen. Die meisten dienen Siegfried nur zum ersten kurz und klein Hauen. Denn irgendwie taucht sogar ein Schwert auf, egal.

Im zweiten Akt aber wird es erstmals interessant. Der Drache Fafner ist ein Alter im großformatigen Pflegebett, das Waldvögelein, die wahrlich zwitschernde Alexandra Steiner, gehört zum Personal (Angrapschversuche inklusive). Alberich, Olafur Sigurdason, lungert gealtert hier herum wie um das Sterbebett eines besonders üblen Paten, ebenso Wotan, der in der „Walküre“ gestürzte, aber wieder hergestellte Tomasz Konieczny. Schon die Wissenswette im ersten Akt hat er mit respektabler, runder Stimmmacht absolviert.

Am Bett sitzt außerdem ein ernster junger Mann: Der Rätselknabe aus dem „Rheingold“, in der Tat ja von den Riesen verschleppt, gibt sich als Hagen zu erkennen. Jetzt ist er, von Branko Buchberger ausgezeichnet zwischen Statist und Schauspieler gehalten, ein stummer, aufmerksamer, erst auf dem zweiten Blick eiskalter Zuschauer. Siegfried ist ganz nett zu ihm, reicht ihm gleichmütig den Ring weiter (eine Art Damien-Hirst-Schlagring mit Brillis). Hagen interessiert sich vornehmlich für das Sterben der anderen, erst Fafners, dann Mimes, bei dem er auch selbst noch Hand anlegt. Er macht neugierig auf seinen Auftritt in der „Götterdämmerung“. Siegfried hat Fafner übrigens kaum kein Haar gekrümmt, ein Herzanfall dürfte die Todesursache sein, dazu unterlassene Hilfeleistung.

Erda, Okka von der Damerau, muss von Wotan unter Obdachlosen aufgetrieben werden. Das diesmal von Akt zu Akt offenbar gedrehte Bühnenbild von Andrea Cozzi deutet an, dass sich all das sehr dicht beieinander befindet, Fafners Höhle und Mimes Hütte wie an Wotans Pyramiden-Walhall angebaut.

Zur Pyramide passt, dass Brünnhilde mit eingewickeltem Gesicht erscheint. Ist sie eine Mumie? Oder liegt es doch eher daran, dass sie die Zwischenzeit für eine Schönheits-OP genutzt hat, wie es in der „Walküre“ schon ihre Schwestern taten? Da ist es sogar spannender, wie der Diener (vormals: das Pferd) Grane, Igor Schwab, eine Eifersuchtsattacke hat und Siegfried sich als guter Kumpel erweist.

Für die „Götterdämmerung“ am Freitag sind schwere Gewitter vorausgesagt. Auch im Publikum braut sich allmählich was zusammen. Langes Gebuhe ging dem Jubel voraus, als das Ensemble vor den Vorhang trat.

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