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Das Ensemble bei der Arbeit am Bau.

Gallus-Theater

Sich selbst ermächtigen

  • vonMarcus Hladek
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„Buy little buy less buy nothing at all“ von Claire Dowie, aufgeführt von der Daedalus Company im Gallus-Theater.

Eine Baustelle mit Rollbühne und Absperrband, Zementmischer und Leiter, dazu Backsteine, drei Pylonen, ein Spaten und Mülltonnen beherrschen in der ersten Aufführung im Gallus-Theater seit März die Bühne. Eingerichtet hat sie Jones Falkenberg. Die Bau- und Baustellen-Symbolik liegt auf einer Linie mit dem, was Regina Busch (Regie) und die Daedalus Company nicht nur in diesem ersten Stück einer Trilogie zum Thema Selbstermächtigung der Frau angehen wollen. „Buy little buy less buy nothing at all“, das Stück der Britin Claire Dowie in deutscher Erstaufführung, ist der Eröffnungszug.

Wer „Bau“ sagt, denkt ja schnell an utopische Großprojekte vom Turm von Babel über Kafka oder Heiner Müllers DDR-Stück „Der Bau“ bis hin in matriarchale Zukünfte. Auch eine Trilogie ist ein Großbau, hier auf dem Fundament der ersten zehn Jahre der Theatergruppe Daedalus Co. Daedalus, das erinnert an den Sonnenflieger sowie James Joyce und sein Ander-Ich Stephen Dedalus im „Porträt des Künstlers als junger Mann“ und im „Ulysses“, der einen geistigen Vaterersatz sucht.

Kaufrausch, Konsumaskese

Ein wenig Gender-Flipping (Künstler*in, Ersatz*mutter), und wir sind direkt beim Thema. Die Trilogie zielt auf schwesterlich-mütterliche Assistenz unter Nachwuchs-Regisseurinnen und Performerinnen in Frankfurt, die mit Busch wollen, dass Frauen einander stützen und teilhabend helfen, ihre Ideen umzusetzen, um Strategien weiblicher Selbstermächtigung auszuloten.

Die Wahrheit ist natürlich „auffer Baustelle“: der Bühne. Im Prolog-Bild zockt das Frauenquartett aus Luise Audersch, Karla Hennersdorff, Katharina Olt und Laila Gerhardt Karten: Quartett. Fast wie in der Werbung, wo der eine dem andern die Karriere um die Ohren pfeffert: mein Haus, meine Frau, mein Pferd, wer hat mehr? Zwischen diesen Frauen geht es um Konsum im Primark-Supermarkt (hier ins Nordwestzentrum verlegt), denn Karriere ist für Männer, wie sie sich bald anhören müssen. Trumpf ist zunächst das Mehr oder auch Billiger, was der Spannungsbogen in eineinhalb Stunden aber auf den Kopf stellen wird, um aus manischen Konsumentinnen Frauen in Konsumaskese zu machen. Die freuen sich dann über Lebensmittel aus dem Supermarkt-Container und betreiben eine schier gnostische Negation ihrer Körperlichkeit.

Dowies Stück ist Teil eines szenischen Ganzen, das die Motive entsprechend den Performerinnen weiterspinnt. Sind etwa wegweisende Musikerinnen wie Delia Derbyshire im Spiel, eine Pionierin der E-Musik mit Spuren bis hin zum BBC-Klassiker „Doctor Who“, so zieht sich Laila Gerhardt alsbald aus dem Performen als Figur an ihre Elektronik zurück und betreibt damit, was sie am liebsten tut: die Klanginstallation zur Regie. Auch das Spiel auf Objekten übt sie aus. Hingegen verkörpern Karla Hennersdorff im grauen Kleid und Katharina Olt im rosa-beigen Hosenanzug mit Leidenschaft Figuren wie Derbyshire, Björk (feenhaft in buntem Netzstoff) oder auch den widerlichen Klaus, den Herrn der Besetzungscouch, der im Akkord Frauen zurechtstutzt.

Am eindrucksvollsten ist die eingesprungene Luise Audersch, die in Art und Physiognomie an Elisabeth Moss („Report der Magd“) erinnert. Wenn alle Vier in Masken à la „Pussy Riot“ (Kostüme: Johanne Schröder) durch die Gegend punken, vergeht uns die Favoritinnen-Kür schnell. Es bleibt der Eindruck einer solidarischen szenischen Übung.

Gallus-Theater , Frankfurt: 5. September, 6.-8. März. www.gallustheater.de

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