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Sie machen sich keine Illusionen und sie verstehen keinen Spaß: "Out of Order" von und mit Forced Entertainment.

Clownspektakel

Bis sie sich und uns was hupen

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"Out Of Order", ein eigenwilliges und wortloses Clownsspektakel von Forced Entertainment im Bockenheimer Depot in Frankfurt.

Sie waren schon immer Minimalisten. Setzten sich Kinderfaschingskrönchen auf und erzählten Es-war-einmal-Geschichten, nichts als sonderbare, wunderbare Es-war-einmal-Geschichten, stundenlang. Denn sie ließen sich auch immer schon Zeit, wenn sie fanden, dass ihre Stücke atmen können müssen. 

Selbst für ihre Ein-Stunden-Shakespeares (kürzlich im Frankfurter Mousonturm komplett zu sehen) nehmen sie sich eigentlich viel Zeit; denn wo sie auf der einen Seite kürzen – „Romeo und Julia“, „Hamlet“ in gerade mal 60 Minuten –, lassen sie auf der anderen Seite keines der Stücke weg, was auch mit vier pro Abend ganz schön viele Abende macht. Und was ganz schön viele Regalmeter mit Flaschen, Gläsern, Väschen, Putzschwämmchen und so weiter und so fort füllt, denn den Alltagsdingen des Lebens weisen die FEs hier auch die berühmtesten aller Rollen zu. Und der Mensch, hinterm Tisch sitzend, erzählt auf verschlungenen Shakespeare-Wegen.

Forced Entertainment, das seit 1984 bestehende, so lange schon kontinuierlich arbeitende Theaterkollektiv aus dem englischen Sheffield, ist nun im Bockenheimer Depot in Frankfurt erneut minimalistisch. Und „Out Of Order“ dazu – „defekt“ lautet, übersetzt, der Titel. Diesmal freilich sparen die als Geschichtenerzähler Bekannten vor allem an Wörtern (und das ist noch stark untertrieben), an Ausstattung allerdings auch: ein Tisch, stapelbare Stühle, Luftballons, Fahrradhupen mit Balg. Die weinrotkarierten Anzüge, in denen alle sechs Performer stecken, sind potthässlich. Die Gesichter dick (und schon verschmiert) zur Clownsmaske geschminkt. Denn das knapp anderthalbstündige „Out Of Order“ ist eine Choreografie für entschlossene Clowns. Beziehungsweise entschlossene und verwirrte Clowns. Beziehungsweise Clowns, die nicht wissen, was sie tun. Das aber mit körperlichem Einsatz. 

Nie tagesaktuell

Sechs Clowns also – Forced Entertainments Kernmann- und -frauschaft Robin Arthur, Nicki Hobday, Jerry Killick, Richard Lowdon, Cathy Naden, Terry O’Connor – kommen rein, setzen sich um einen Tisch, behalten sich aufmerksam, nervös im Blick. Einer springt aggressiv auf, jagt einem anderen hinterher, die anderen versuchen, den Angreifer einzufangen, ihn aufzuhalten ...    . Man setzt sich wieder, kurz beruhigt. Aber schon attackiert ein anderer. In unterschiedlichen Konstellationen, mit unterschiedlicher Verve geht das eine Viertelstunde lang so. Ein alter Soul-Song spielt dazu, wieder und wieder, manchmal setzt die Musik auch aus. 

Tim Etchells, Regisseur und Kopf der Gruppe (doch „Out Of Order“ ist ansonsten „von und mit Forced Entertainment“), hat vorher sinngemäß zu Protokoll gegeben, dass man nie versuche, tagesaktuell zu sein, dass das Vorgängerstück „Real Magic“ mithin auch keine Show über Trump gewesen sei, dass man aber logischerweise nicht unbeeinflusst bleibe von der Stimmung der Zeit. 

Doch was ist nun mit diesen Clowns? Gewiss machen sie sich keine Illusionen mehr. Ebenso gewiss sind sie in einem Raum (hinter der Manege?), der ihnen nichts bedeutet, in dem sie zunehmend erschöpft ihre Routinen abspulen – aber sie spulen sie ab. Vielleicht kann man sie pflichtbewusst nennen. 

Eine Viertelstunde nach Stückbeginn bläst der erste von ihnen einen Luftballon auf. Bald taumeln hier und dort Ballons zu Boden, furzend, mit kleinen Luftsalti oder schnellen Abstürzen. Auch die Ballonszene dauert etwa eine Viertelstunde. Es folgt ein Trauerzug mit Mobiliar. Es folgt Gehupe, eskalierend. Es folgt schießlich Johann Strauss’ „An der schönen blauen Donau“, dazu hier und da mal ein Tanzschrittchen, aber vor allem gehen die Akteure erneut, nun ziemlich matt, aufeinander los. 

Forced Entertainment nehmen in „Out Of Order“ keinen Bezug zu einem Draußen. Sie choreografieren die Leere und sie tun das, indem sie über lange Strecken nur Varianten des im Prinzip immergleichen Geschehens, der immergleichen Aktionen zeigen. Auf diese Weise ist ein seltsam gleichförmiges, ein unerklärlicherweise doch faszinierendes Spektakel entstanden. 

Denn sie wären nicht so gewiefte Stückentwickler/Performer, wenn sie nicht hier einen grantigen Blick über die Schulter, da ein prononciertes Schlurfen, auch mal eine drollige Körperkette einsetzen würden, bei der einer den anderen bei den Füßen festzuhalten versucht. Im Publikum wird gelacht. Aber die auf der Bühne machen keinen Spaß. Sie wissen sicher nicht, warum sie das alles tun, was sie tun. Aber sie tun es mit Überzeugung. Oder jedenfalls Ergebenheit. 

Im Bockenheimer Depot hatte „Out Of Order“ jetzt Uraufführung, das Schauspiel Frankfurt und der Mousonturm sind erstmals gemeinsam unter den Koproduzenten. Es ist ein stiller und ein gelegentlich lauter Abend, ein kurzer und ein langer, ein manchmal lustiger, ein wortloser und an Atmosphäre reicher. Die Forced Entertainler sind diesmal keine Geschichtenerzähler, anderthalb Stunden kreist und steht, leicht bedrohlich, in der hohen Halle die Zeit. 
Man darf getrost annehmen, dass viele kamen, weil sie bei der Shakespeare-Reihe gewesen waren. Die Briten aber haben sich ihren fabelhaften Ruf nicht zuletzt dadurch erarbeitet, dass sie ihrem Publikum auch mal eine lange Nase drehen. Oder eben ihm was hupen. 

Bockenheimer Depot, Frankfurt: 2.-5., 15.-18. Mai. www.schauspielfrankfurt.de

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