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Will und Viola, Bert Tischendorf und Nele Sommer.

Burgfestspiele Bad Vilbel

„Shakespeare in Love“: Das Liebesleben ausfechten

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„Shakespeare in Love“ bei den Burgfestspielen Bad Vilbel.

Das Werk einer Turmuhr? Zahnräder als Verweise aufs Mahlwerk der Zeit, die Mechanik unserer Passionen? Ein Hauch Bühnenmaschinerie, wie sie schon die Athener nutzten und Renaissance und Barock wiederentdeckten?

Vieldeutig und geheimnisvoll sind diese Zahnräder mit Stellwerk, die auf Pascale Arndtzs Bühne alle Blicke auf sich ziehen. Rundum herrscht gebeiztes Holz vor und sticht ins Kulissenhafte, lässt an Palastfassade oder Theaterportal denken: ein roher Aufbau wie in den Theatern der Shakespeare-Zeit. Leitern, Treppen und Gerüste verheißen Klettereskapaden oder posierende Granden, die aus Logen im Burggemäuer auf uns Gründlinge niederschauen.

Im Fokus der Bühne: eine Holzwand mit Tor und Balkon, davor die Spielfläche mit den Zahnrädern und Tisch links sowie Fässern, die ein visuelles Gegengewicht bilden und Schauspieler-Zechereien verheißen. Die Kostüme (Marion Hauer) bedienen elisabethanische Kleidersitten mit Tellerkrägen, Brokatstoffen und Schulterstücken bis zum höfischen Gewand oder der puritanischen Kappe. Dazu der piratenhaft hagere Abenteurer-Look Christopher Marlowes (Sebastian Zumpe) neben Gewändern staatlicher Büttel oder dem Wirtshausambiente mit Schauspielern im bepelzten Rockstar-Flair.

„Shakespeare in Love“ ist der ernste Glanzpunkt

„Shakespeare in Love“, Filmfans des Blockbusters mit Joseph Fiennes, Gwyneth Paltrow, Judi Dench und Ben Affleck wissen das, erzählt frei vom jungen Shakespeare und der adligen Viola, die sich als „Master Kent“ in die Truppe einschleicht, da sie für die Dichtung glüht und vor der arrangierten Ehe mit Wessex, einem Plantagenbesitzer aus Virginia, etwas Freilauf möchte. Will und Viola verlieben sich und leben „Romeo und Julia“ aus, bevor er das Stück aufschreibt: in ernsterem Ton als geplant, ohne alberne Hunde und Piraten.

Milena Paulovics Vilbeler Regie zählt zu den schönsten Vilbeler Inszenierungen je. Das liegt auch an der Stoffwahl, genauer: dem Drehbuch von Tom Stoppard, einem Dramatikergenie seit über fünfzig Jahren. Der gewitzte Brite mit philosophischem Kopf hatte auch einen Hollywood-Aufpasser zur Seite, aber da der sonst nie weiter auffiel, behielt wohl Stoppard das Sagen, der seit „Rosencrantz and Guildenstern are Dead“ vielfach seine Shakespeare-Liebe kundtat und im hohen Alter erstklassige Drehbücher schrieb („Vatel“, „Enigma“).

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Bad Vilbel bringt drei Monate lang für alle etwas, mit „Shakespeare in Love“ als ernstem Glanzpunkt. Wie gut das aufgeht, liegt sowohl am spiellustigen Ensemble als auch am flüssigen Spielrhythmus, in den Paulovics es versetzt. Bert Tischendorf und Nele Sommer schlüsseln sehr schön die Annäherung von Will und Viola durch den Schein ihrer „Hosenrolle“ auf, die ihn dann zur Viola in „Was ihr wollt“ inspiriert.

Fechtszenen werden wie im wahren Elisabethanerleben im Nu von bloßer Schau zu tödlichem Ernst. Eine Bootsfahrt im Nebel mit Burbage-Darsteller Matthias Eberle als Charon macht unversehens beklommen. Chöre, teils gesungen wie in der Trauer um Marlowe, arbeiten das Theatrale heraus.

Hübsch, wie selbst der künftige Dramatiker John Webster (Niklas Schmidt) hier nebenher als Verräter mit blutrünstigen Lüsten eingeführt wird, derweil man dem Bösewicht Wessex (Martin Bringmann) nicht allzu böse sein kann oder Steffen Weixler als Mercutio-Darsteller Ned sonderbar Bob Dylan ähnelt.

Burgfestspiele Bad Vilbel: bis zum 30.August. www.kultur-bad-vilbel.de

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