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„Serotonin“ vom Theater Willy Praml: Besser ein Sexurlaub in Thailand

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Von: Sylvia Staude

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Den Kopf in den Sand - oder eher Vorhang stecken? Der Arzt, Reinhold Behling, und drei der Labroustes. Foto: Rebekka Waitz
Den Kopf in den Sand – oder eher Vorhang stecken? Der Arzt, Reinhold Behling, und drei der Labroustes. © Rebekka Waitz

Das Frankfurter Theater Willy Praml bringt Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“ auf die Bühne.

In sechsfacher Ausfertigung tritt Florent-Claude Labrouste auf, Erzählerfigur in Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“ (Anfang 2019 erschienen). Da man getrost davon ausgehen kann, dass sich Labrouste einiges an Biographie und vor allem Ansichten mit seinem Autor teilt, tragen also Hannah Bröder, Jakob Gail, Muawia Harb, Birgit Heuser, Sam Michelson und Anna Staab eine hässliche Flechte im bleichen Gesicht, außerdem die Art grau-brauner Jacke, wie man sie auf Fotografien des französischen Autors sieht. Dazu hat Kostümbildnerin Paula Kern den sechs Florent-Claudes maximal unkleidsame Jogginghosen angezogen, betongrau mit aufgedruckten chinesischen Drachen. Dafür ist der den depressiven Labrouste gut gelaunt behandelnde Arzt, Reinhold Behling, gekleidet und perückenbewehrt, als sei er doch eher einem Molière-Stück entsprungen.

Michael Weber, der im vergangenen Jahr die Leitungs-Nachfolge Willy Pramls bei Frankfurts alteingesessenem Theater Willy Praml angetreten hat, hat sich diesmal nicht für die Aufbereitung eines Klassikers wie Kleist entschieden, sondern für den Roman „Serotonin“ des gern Starautor oder auch Skandalautor genannten Michel Houellebecq. Wie dieser arbeitete seine Figur Labrouste beim Landwirtschaftsministerium, ehe er komfortabel erbt (seine Eltern sind die einzigen Menschen, über die er gut spricht) und beginnt, mit einem Diesel-SUV in der Gegend herumzufahren und die Mülltrennung zu sabotieren: „umweltbewusst war ich nicht“. Nehmt das!

Er besucht auf seinen Frankreich-Touren auch immer wieder seinen einstigen Kommilitonen und Freund Aymeric, Großgrundbesitzer, Milchkuhhalter. Immer wieder muss Aymeric ein paar Hektar verkaufen, chinesische Konglomerate bieten ihm viel mehr Geld als es seine Nachbarn können.

Dass die EU die Märkte für Lebensmittel aus Übersee weit und weiter öffnet, dass argentinische Aprikosen „auf dem Vormarsch“ sind und „Käse aus der Normandie“ im Preiswettbewerb keine Chance mehr hat, ist wohl der Hauptgrund für den Niedergang des Landwirts; Houellebecq/Labrouste beschreibt aber auch, wie Aymeric zum Alkoholiker wird, sein schlossartiges Wohnhaus verdrecken lässt, wie er dann seine Bestimmung findet, indem er mit anderen Bauern bewaffnet aufmarschiert und den Agrardiesel abfackelt. Da hieß es dann in den Medien: Houellebecq habe nun auch den militanten Protest der „Gelbwesten“ vorausgesehen.

Freilich beklagte die Kritik auch eine gewisse Formlosigkeit an „Serotonin“, ein Mischmasch an Themen, von der EU-Landwirtschaftspolitik über die Wirkung von Antidepressiva bis zur Suche nach Glück und Liebe – wo dann leider Michel Houellebecqs beträchtliche Misogynie ins Spiel kommt. Regisseur Michael Weber hat in seiner Textfassung nicht versucht, auf einen Strang zu konzentrieren und generell zu begradigen. Er entscheidet sich dafür, wie der Roman die Perspektive eines ständig vom Persönlichen zum Politischen und wieder zurück springenden Zynikers und Menschenhassers nachzuzeichnen. Wie viel davon der Depression geschuldet ist? Ungewiss.

Die Weite der Naxoshalle ist diesmal längs geteilt, die sechs Florent-Claudes (wie sie ihre Vornamen hassen, unter anderem des blumigen, weibischen „Florent“ wegen) und der Arzt treten zunächst jeweils im eigenen Bereich vor einen Vorhang (Bühne: Weber). Aus Marc-Antoine Charpentiers „Te Deum“ erklingt, was einst im Fernsehen als Eurovisions-Melodie bekannt wurde.

Dazu soll die Einnahme einer kleinen ovalen Pille zelebriert werden, aber dann flutscht sie dem Arzt aus den Fingern, er sucht vergeblich den Boden ab. „Captorix“ nennt Houellebecq das Antidepressivum, das das Hormon Serotonin im Körper aktiviert. Leider, wird der Arzt später sagen, macht Captorix impotent. Vielleicht sollte Labrouste darum lieber zu „kleinen Nutten“ gehen, 16-jährig, oder Sexurlaub in Thailand machen, um seine Laune zu heben.

Wie immer artikuliert und agiert die Praml-Truppe vorzüglich, bringt also auch das rüber, was ein Kritiker die „herzlose Trockenheit“ des Houellebecq-Sounds nannte. Kein Realismus wird hier angestrebt, die Regie versteht sich auf prägnante, sich leitmotivisch wiederholende Bilder, etwa das Einnehmen der Pille, als handle es sich um eine Hostie.

Wer Michel Houellebecq noch nicht gelesen hat, wird von seinem Erzählen in den pausenlosen zwei Stunden „Serotonin“ einen guten Eindruck bekommen. Wer seine Romane eher abstoßend und frauenverachtend findet, wird durch manche Passage mühelos bestätigt – etwa dass Labroustes japanische Freundin Yuzo Sex mit einem Dobermann oder einer Bulldogge hat oder der Erzähler überlegt, den vierjährigen Sohn von Ex-Freundin Camille zu erschießen, um sie wieder für sich allein zu haben.

So ist Webers „Serotonin“-Fassung das Porträt eines unsympathischen „substanzlosen Weicheis“, eines „sterbenden, alternden Tiers“ (Labrouste über Labrouste), das allerdings immer wieder klare, harsche Blicke auf die Welt zustande bringt.

Theater Willy Praml in der Naxoshalle, Frankfurt: 2.-4., 9.-11., 16.-18. und 23.-25. September. Am 12. September eine Diskussion „Diagnose Depression“ im Haus am Dom. www.theaterwillypraml.de

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