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Fillipp Avdeev, Regine Zimmermann und Marcel Kohler.

Berlin

Serebrennikovs „Decamerone“ hält jung

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Eine Laune machende Boccaccio-Überschreibung des russischen Regisseurs im Deutschen Theater.

Die Premiere von „Decamerone“ im Deutschen Theater wurde am späten Sonntagabend nach gut dreieinhalb vollgepackten, aber kurzweiligen Stunden mit einem langen Applaus bedacht. Als dieser dann doch abebbte und die Zuschauer sich erhoben, ging der Jubel hinter der Bühne weiter. Dass diese Produktion zustande kam, ist wirklich ein Grund zu feiern.

Es ist eine Koproduktion des Deutschen Theaters mit dem Moskauer Gogol-Center. Das Ensemble ist russisch-deutsch gemischt, das Bühnenbild – eine vollfunktionstüchtige Fitnessbude mit Sprossen- und Spiegelwänden, jeder Menge Physio-Utensilien sowie mit Flachbildschirmen, auf denen sich der Videokünstler Ilya Shagalov austobt – ist aufwendig, der Stoff – Giovanni Boccaccios 100 Novellen über die Liebe – schwer zu bändigen. Geprobt wurde in Moskau, der Premierentermin war eigentlich schon für 2018/19 angesetzt, aber die russische Justiz durchkreuzte die Pläne, indem sie den Regisseur und Bühnenbildner Kirill Serebrennikov nicht ausreisen ließ. Nach einem umstrittenen Verfahren wegen Veruntreuung von staatlichen Fördermitteln stand Serebrennikov bis zum letzten April 20 Monate unter Hausarrest, das Verfahren läuft weiter, und er darf nicht reisen.

Er war also körperlich nicht anwesend, um sich mitzufreuen, was schmerzt. Aber das Ensemble, die drei Musiker Daniel Freitag, Isabelle Klemt und Maria Schneider sowie das Regieteam streiften am Ende des Abends weiße Free-Kirill-Shirts über, und so nickte uns dessen Konterfei beim Verbeugen zwanzigfach zu.

Deutsches Theater, Berlin: 10., 28., 29. März, 18., 19. April. www.deutschestheater.de

In der Inszenierung spielte die politische Ausgangslage keine direkte Rolle, auch wenn die Adligen, die einander die erotischen Geschichten erzählen, während einer Pestepidemie unter Quarantäne, also auch einer Art Hausarrest stehen. Dieses Setting bekam durch Corona eine ungeplante Aktualität, was bis auf ein paar Mundschutzmasken nicht weiter aufgenommen wurde. Das dürfte dem Publikum verdrängungstechnisch ganz recht gewesen sein, sind doch Theater ernstzunehmende, anderswo schon geschlossene Infektionsschleudern.

Serebrennikow geht es eher um das Zeitlose der Liebe, des Triebs, des Kummers und des mit allem einhergehenden Hasses. Er sucht es im Heute, lässt die Figuren mit neuester Digitaltechnik hantieren, aber auch Ritter auftreten. Vorherrschend ist eine Ästhetik der frühen Neunziger, die besonders an den Fitnessblousons der formidablen Live-Combo festzumachen ist. Die Geschlechterklischees stammen auch so ungefähr aus jenen Jahren und erweisen sich, anders als die Liebe an sich, doch als alterungsanfällig.

Zehn Geschichten hat Serebrennikow ausgewählt, überschrieben und in einen neuen Rahmen gespannt: einen von der lebenskrise- und bandscheibengebeutelten Trainerin (Almut Zilcher) geleiteten Fitnesskurs für Seniorinnen. Junge Männer turnen vor und verursachen entsprechende Anwandlungen und Halsverrenkungen bei den Teilnehmerinnen.

Zwischentitel trennen die schnell zum Punkt kommenden Konstellationen: Betrug, Eifersucht, Schmacht, Zier, Tod und Verderben. Die Konflikte wandern vom Frühling durch das Jahr zum Winter und also vom Komischen zum Melodramatischen.

Langeweile kommt da nicht auf. Vor allem auch, weil die Freude an der Begegnung im sich hochschaukelnden Spiel sichtbar wird. Filipp Avdeev, Yang Ge, Oleg Gushchin, Georgyiy Kudrenko und Aleksandra Revenko vom Gogol-Center treffen auf Almut Zilcher, Regine Zimmermann, Marcel Kohler und Jeremy Mockridge vom DT. Das Ganze wird aufgeraut durch fünf Laiinnen, die gegen Ende des Abends Geheimnisse aus ihrem Leben preisgeben, und mit dem Tränenfunkeln von Georgette Dee überglänzt. Ein reicher Abend, der bei allem ewigen Liebeskummer und trotz der skandalösen Hintergründe seines Zustandekommens gute Laune macht.

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