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Er hat nicht vor, zu sterben: Der Bestatter, Kowski, hier mit Landgrebe und Tetzner.

Staatstheater Mainz

Und 3,16 Jahre hat Frau Schmidt Essen gekocht

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Sensemann & Söhne“, ein unterhaltsames Stück über das Leben und den Tod im Mainzer Staatstheater.

Anne-Marie Schmidt, 81, ist gestorben, wie die meisten von uns sterben wollen, im Schlaf: Sie hat auf dem Sofa (das fünfte beige Sofa ihres Lebens) ein Nickerchen (es war die 4122,4-te Nickerchen-Stunde ihres Lebens) gemacht, als ihr Herz aufhörte zu schlagen. Bis dahin hat sie 3,16 Jahre Essen zubereitet, 1,4 Jahre telefoniert, 911 Mal gedacht: „Warum kommt der Bus schon wieder nicht?“

Vom ziemlich normalen Leben und vom Tod handelt ein locker, aber pfiffig gefügtes, teils fast kabarettistisches Stück, das der Autor und Regisseur Jan Neumann mit fünf Schauspielerinnen und Schauspielern des Nationaltheaters Weimar und des Mainzer Staatstheaters erarbeitet hat. Es ist nun als „Sensemann & Söhne“ an beiden Häusern zu sehen. Die Kooperation und auch das Thema wurden vor Corona vereinbart.

Ob er Frau Schmidt abholen könne? Bei Bestatter Heinrich Hensemann, Sebastian Kowski, klingelt das Telefon im richtigen Moment, streiten doch die Angehörigen eines Herrn Kunz in seinem Büro gerade wie die Kesselflicker darüber, ob der Sarg aus Japanischer Lärche oder Apfelholzfurnier sein soll, ob Vater gewollt hätte, dass der Leichenschmaus bei seinem Lieblingsgriechen stattfindet oder im Steigenberger. Und gibt es eine „Leihkiste“, Herr Sensemann, äh, Hansemann, äh, Bangemann usw., mit der die Sargträger (man denkt an die Nachbarn) üben können?

Neumann & Co (neben Kowski in diversen Rollen: Anika Baumann, Isabel Tetzner, Max Landgrebe, Henner Momann) hauen zu Anfang virtuos auf den Klamauk-Putz; das Publikum, das im Mainzer Kleinen Haus aufgrund einer neuen Covid-19-Verordnung des Landes Rheinland-Pfalz erstmals im Schachbrettmuster und also ziemlich dicht sitzt, lacht darum keineswegs nur leise und vorsichtig.

Aber es wird auch ernster. Der schnöselige Arzt, der bei Anne-Marie Schmidt den Totenschein ausstellt, hat vor Jahren seine Freundin sitzen lassen und ist nach „Ell Äi“ gegangen. Jetzt will er wieder anknüpfen, sie aber nicht, die damals sein Kind hat wegmachen lassen, aus Angst, damit allein zu sein. Der Pfarrer, der noch den Text für die Trauerrede schreiben muss, besucht stattdessen Gerd und seine Mutter; Gerd ist schwer behindert, seit er auf dem Zebrastreifen vor der Kirche überfahren wurde. Es folgt eine tiefe Sinnkrise des Pfarrers. Im Gasthof „Deutsche Eiche“, in dem Anne-Marie Stammgast war, weiß die Kellnerin vor schlechtbezahlter Arbeit nicht mehr ein noch aus. Eigentlich wollte sie ja Musicalsängerin werden. Anika Baumann gibt eine Kostprobe und ja, das wäre allemal eine Alternative gewesen (wie schnell da aus Strickjacke und Schürze ein Abendkleid geworden ist, Kostüme Nini von Selzam).

Und Steffi, Tochter des Bestatters, trainiert sich ihre Angst vor Leichen ab – unter anderem in China bei den hängenden Särgen der Bo und, na klar, in Wien –, um das Geschäft zu übernehmen, das ihr Bruder eh nicht will. Sie möchte freilich mit einem „& Tochter“ endlich mitgemeint sein. Und würde ihr Vater ihr bitte eine Vollmacht geben? Herr Hensemann ist empört, er hat nicht vor zu sterben.

Der locker gefügten Szenenfolge entspricht ein hochvariables Bühnenbild von Matthias Werner, das die Assoziationen Werkstatt, Fundus, Büro, bescheidene Wohnung erlaubt. Gipsohr und -köpfe spielen eine Rolle, man dankt dem Naturkundemuseum Mainz für die Formen. Eine Amsel ist ein kleiner roter Faden. Könnte sein, dass sie auf dem Friedhof just einen Regenwurm gefressen hat, der auch seinerseits zum Kreislauf des Lebens beitrug.

Staatstheater Mainz: 7., 14. Oktober. www.staatstheater-mainz.com

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