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Elite mit Aussicht, hier:          Matze Vogel, Janning Kahnert, Evelyn M. Faber, Karoline Reinke.
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Elite mit Aussicht, hier: Matze Vogel, Janning Kahnert, Evelyn M. Faber, Karoline Reinke.

Staatstheater Wiesbaden

Die Selbstgewissen

Tom Stoppards theorielastiges Konversationsstück "The Hard Problem" am Staatstheater Wiesbaden in einer unterhaltsamen Inszenierung.

Ein smarter Darwinist erklärt seiner Geliebten, dass er eine Raffael-Madonna mit dem Kind persönlich „Frau, die das Überleben der Gene maximiert“ nennt. Die wunderhübsche junge Frau, Psychologiestudentin, betet trotzdem vor dem Zubettgehen. Er kriegt zu viel, sie aber benötigt nach eigenem Bekunden ein „Wunder“. Ahnungsvoll nimmt das Publikum wahr, dass sie auf den Spott des smarten Darwinisten gegen den Begriff „Mutterliebe“ („Mutter und Baby stehen in einer Kosten-Nutzen-Konkurrenz“) ein wenig empfindlich reagiert hat.

Mit „The Hard Problem“ meint der englische Dramatiker Tom Stoppard an sich die Frage nach dem Bewusstsein, aber sofort geht es auch um Moral, Glauben und Seele, um die so genannte strenge Naturwissenschaftlichkeit und ob sie wirklich alles erfassen kann, um Zufall, Berechenbarkeit, Manipulierbarkeit, bei alledem im übrigen auch noch um Kapitalismus. So ist sie gleich da, die ganz große Debatte, was uns zu dem macht, was wir sind.

Man liest, Stoppard habe am Text auch nach öffentlichen Vorproben weiter gefeilt, um sich dem Publikum verständlich zu machen. Das ist glaubhaft, jedenfalls macht er sich jetzt verständlich, und es wäre einem vielleicht sogar etwas lieber, dieser lebhafte Grundkurs in Neurobiologie, Psychologie und Ethik (und Kapitalismus) wäre nicht so gründlich und dafür etwas - schillernder, womöglich gar menschlicher. Dass es die Frau ist, die die „weiche“ Sicht auf die Dinge vertritt, während der Mann kurz davor ist, „Fakten, Fakten, Fakten“ zu rufen, ist nur der deutlichste Hinweis auf Stoppards hier nicht sehr stark ausgeprägtes Interesse an originellen Figuren. Dazu gehört auch, dass die Frau das später eintretende Wunder – es braucht keine Anführungsstriche dafür – beiläufig hinnimmt und der Mann kein Jota von seiner Haltung abweicht, dass mit beiden Figuren also nichts geschieht von dem, was man im weitesten Sinne als Entwicklung bezeichnen könnte.

Stoppard interessiert sich für die ganz große Debatte und in seinem Wunsch, sie uns nahezubringen, kommt ihm sein Sinn für einen raffinierten Dramenbau zumindest in Teilen abhanden, jene Raffinesse, die seinem berühmtesten, mehr als 50 Jahre alten Theaterstück dauerhaften Ruhm garantiert hat, „Rosencrantz and Guildenstern Are Dead“. Auch unterschätzt er womöglich doch ein bisschen den Kenntnisstand des Publikums.

„The Hard Problem“ wurde 2015 in London uraufgeführt, die Übersetzung von Wolf Christian Schröder behält den englischen Titel bei. Die deutsche Erstaufführung am Staatstheater Wiesbaden zeigte sich jetzt in der Regie von Uwe Eric Laufenberg so zugewandt und unaufdringlich, wie es einer ersten Inszenierung zusteht. Zu sehen ist ein Konversationsstück, dessen wortgewandte und gewitzte Protagonisten reden wie gedruckt. Schöne, intelligente Akademiker im Vor-Brexit-London, von Anne Buffetrille ansehnlich eingekleidet, die kluge und betende Hilary, Mira Helene Benser, sogar so gepflegt wie in einer „Was ziehe ich im Büro an“-Strecke der „Brigitte“. Matthias Schallers Bühne schafft es, mit wenigen schiebbaren Wänden, hochpreisig wirkenden Möbeln und ein paar Rückwandprojektionen, die Atmosphäre des hippen Forschungsinstituts perfekt zu vermitteln.

Die Darsteller sind eine überzeugende, wenngleich eben auch etwas stereotype Elite, man lässt sich gehen und ist straff zur gleichen Zeit. Dazu braucht es Selbstbewusstsein, eine vorzügliche Ausbildung und ein gutes Einkommen. Janning Kahnert spielt den smarten Darwinisten an Hilarys Seite, aber es gibt auch eine ganze Reihe weiterer gut erkennbarer Figuren: Tom Gerber darunter als noch viel smarterer Kapitalist (und Institutsgründer), Thomas Jansen als gescheiter Abteilungsleiter, Matze Vogel als Superhirn aus Indien, Mayila Ainiwaer als chinesisches Mathegenie. Evelyn M. Faber und Karoline Reinke sind als lesbisches Pärchen sympathisch lässige Beobachterinnen all der Selbstgewissheiten. Ein unterhaltsamer Abend, aber ein überwiegend theoretischer. Die Sentimentalität am Ende überspielt er durch einen Optimismus, der auch nicht glücklich macht.

Der angereiste Dramatiker, 80 Jahre alt, wurde als der lebende Klassiker gefeiert, der er ist.

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