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Auf seine Art

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Blankes Entsetzen: Ada Labahn (als Charlotte Wesener), Margarita Breitkreiz (als Marie Wesener).
Blankes Entsetzen: Ada Labahn (als Charlotte Wesener), Margarita Breitkreiz (als Marie Wesener). © gianmarco bresadola / drama-berlin

Verblödete Soldaten,traurige Gestalten: Wenn Frank Castorf Lenz´ Drama "Die Soldaten" inszeniert, wird das Stück wieder zur Komödie, wie es der Autor betitelt hatte. Von Jürgen Otten

Von Jürgen Otten

Der Abend ist keine fünf Minuten alt, da huscht der Gedanke das erste Mal durch die Hirnsynapsen: Menschenskinder, sind denn alle hier irre geworden? Ist keiner da, der für Ordnung sorgt und denen mal anständig die Leviten liest?

Anscheinend nicht, wenn man sieht, wie verquer die Protagonisten über die Bühne rennen, die auch nur aus lauter wackeligen Brettergestellen besteht mit abreißbaren Tapetenattrappenlappen daran; wie sie sich gegenseitig ankeifen, in die Haare kriegen, sich anschreien, und wie sie alle, wie sie da sind, keinen Sinn und auch keinen Verstand für das Idealische haben im Leben. Exakt so aber wollte es der Dramatiker Jakob Michael Reinhold Lenz. Er wollte keine Hoffnung ins Theater implantieren, er wollte die Menschen so zeigen, wie sie sind: prosaisch. Damit man ihm aber nicht sogleich auf die Schliche käme, nannte er sein Stück "Die Soldaten" eine Komödie.

Vermutlich fand Frank Castorf gerade daran Gefallen. Am Prosaischen und am Genre. Denn beides liegt ihm: Weil er durch die Hintertür eintreten, das Stück im Licht der Geschichte brechen und das Wesentliche durch die Überbetonung des Unwesentlichen etablieren kann. Darin ist er, obschon er manchmal schwächelt, weil er zu weit ausgreift, unerreicht. Die Premiere von Lenzens "Soldaten" am Donnerstag bestätigt es eindrucksvoll.

Manchen Zeitgenossen mag es erstaunen, aber wir erleben, von winzigen Ausnahmen abgesehen, die aber so deftig und/oder witzig sind, dass sie den Fluss nicht stören, das Original - eine Komödie von der Schlechtigkeit der Soldaten, die als Menschen zur Welt kamen, dann aber unter Waffen herzlos wurden.

Der Dialektiker Castorf zeigt sie als Narren. Sei es der nonchalante Baron Desportes (Hans Schenker), seien es die strammen Officiers Haudy (Axel Wandtke) und Mary (Uwe Dag Berlin) - sie alle wirken in ihrer Manie(r) des zynisch Räsonierens einfach nur ridikül.

Herren mit blödbanalem Blick

Konterkariert werden sie in einer der stärksten Szenen des ganzen Abends. Überschrieben ist sie mit "Kameradschaftsabend am Hindukusch". Während Pianist Sir Henry und die hinreißende Sängerin Ruth Rosenfeld ein Chaos-Konzert geben, das Gustav Mahlers "Kindertotenlieder" mit Passagen aus Bernd Alois Zimmermanns Lenz-Oper "Die Soldaten" und weiteren Weltschmerzstücken kombiniert, sitzen die Herren der Schöpfung auf einer Hühnerstange aus Stühlen aufgereiht wie Wachsfiguren: mit blödbanalem Blick.

Ihr (vorläufiges) Glück sind die Frauen. Weil sie in diesem Stück nicht blöder, aber schwächer sind. Margarita Breitkreiz kann noch so hysterisch tun, ihre Marie wird doch das, was Desportes aus ihr macht: eine Hure. Nur zu gerne wäre sie eine Dame, trägt ja auch anfangs das entsprechende feudale Kostüm und wird zudem von ihrem Vater (Kurt Naumann) vergöttert. Doch die falschen Versprechungen ziehen ihr nach und nach (fast) alle Kleider aus, bis dass sie endlich im Stroh liegt wie ein ungewolltes Kind.

Einer ist da, der ist die ganze Zeit über das ungewollte Kind. Stolzius, Maries Verlobter. Mex Schlüpfer gibt ihn als Trauerkloß, wie er trauerkloßiger nicht sein kann. Aber wehe dem, der ihm weh tut. Das sammelt und staut sich an. Und kulminiert dann im prosaischen Gipfel des Abends: in der Hass-Punk-Version von Frank Sinatras "My Way".

Es folgt sogleich der poetische Gipfel mit Volker Spengler als Gräfin de la Roche und Harald Warmbrunn als Graf von Spannheim. Da sitzen zwei beieinander, die nicht verrückt geworden sind. Aber traurig. Und wie sie diese Trauer leise und zart zum Ausdruck bringen, das birgt schon wieder Hoffnung. Fürs Theater, fürs Leben.

Volksbühne Berlin: 5., 11. März. www.volksbuehne-berlin.de

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