Gemischte Tanztruppe, die Musik dazu kennen Sie. Foto: Helmut Seuffert

Frankfurt

Sein Herz ist hart wie Wachs

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Ein Offenbach-Abend im Fritz Rémond Theater.

Zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler bereiten sich auf eine Aufführung von Ionescos „Die kahle Sängerin“ vor. Da es nicht die erste, zehnte oder wenigstens fünfzigste Vorstellung ist, fühlt sich die Truppe unterfordert, und im leisen Singsang der einschlägigen Barcarole geht es ins kleine vorgeschaltete Jacques-Offenbach-Potpourri.

Akribische Zeitgenossen kann es kribbelig machen, dass im En-suite-Betrieb die Konzentration auf die einzelne Vorstellung leidet und die Truppe sich immer lustiger verkleidet, anstatt sich auf ein anständig absurdes Sprechstück vorzubereiten. Auch liegt vielleicht eine kleine Spitze darin, dass Roger Défossez, der Autor von „Geliebter Jacques“, Ende der achtziger Jahre dem halbwegs modernen Sprechtheater die Rolle des Graubrots zuwies. Aber alle Süße, Lust und Freiwilligkeit, alle Verführungskraft gehört auf die Seite der Songs aus „Pariser Leben“ und „La Périchole“, „Die schöne Helena“ und „Hoffmanns Erzählungen“. Schauspieler würden Offenbach spielen. Aber die Intendanz hat anders entschieden.

Auch beim Zuhören zeigt sich, dass es gesund und bekömmlich ist, endlich wieder etwas Musik von Jacques Offenbach zu hören. Das Frankfurter Fritz Rémond Theater ehrt mit der Aufführung den Kölner Jungen und Pariser Starkomponisten zum bevorstehenden 200. Geburtstag am 20. Juni. Da die Flut der Offenbachiaden in diesen Monaten nicht so enorm ist, wie sich Freunde der gepflegten Operette das im Stillen gewünscht haben, macht es auch nichts, dass kein Orchester zur Verfügung steht und die Mitglieder des kleinen Ensembles sich auf recht unterschiedlichen Stufen zwischen Schauspiel- und Gesangskunst befinden. Es gehört zu den besonderen Anforderungen unverschämter Operetten, beides in einem Umfang zu verlangen, der in einer hochspezialisierten Bühnenwelt ohnehin nicht oft geboten wird.

Viele Aufführungen scheitern daran, aber nicht „Geliebter Jacques“, denn unter der Regie von Rainer Lewandowski wird gar nicht erst so getan, als könnte es hier zu einem ausgereiften Musiktheaterabend kommen. Elisabeth Ebner und Susanne Eisenkolb, Carsten Fuhrmann, Steffen Laube und Dirk Witthuhn spielen in der von Bettina Neuhaus eingerichteten Theatergarderobe mit der Improvisation (einer gewiss sorgfältig vorbereiteten Improvisation) und dem Ansingen von Szenen. Dass dabei markiert werden darf, ist ebenso von Vorteil wie die Selbstironie. Wenn die beiden Ajaxe, Achill und Agamemnon Wischmoppperücken überwerfen, ist das kaum weniger gewitzt, als es ausinszenierte „Schöne Helenen“ gemeinhin bieten (und dann kann man noch froh sein, dass sie es tun). Zumal sich das Reimniveau auf dieser Ebene bewegt: „Ich bin Ajax, mein Herz ist hart wie Wachs, bin mutig wie ein Dachs, besiege meine Feinde stracks“.

Quatsch aus dem Nichts

Wer das nicht lustig findet, der hat sich (einige handhabten es so) zur Premiere zu Recht für das Eintracht-Spiel als Alternative entschieden. Wer das lustig findet, kommt zwar auch erst nach und nach in Schwung, wird aber großen Respekt vor den fünf auf der Bühne haben, die aus dem Nichts so einen Quatsch wagen.

Am weißen Flügel sitzt Cordula Hacke und hält die Musik vorzüglich auf Trab. Natürlich bleibt das ein Kammerspielchen, reizend auf den Punkt gebracht, wenn hinterm geschlossenen Vorhang mit Gequieke und Getrappel zwar ein doller Cancan versprochen wird. Als der Blick auf die Bühne frei wird, hängt die Truppe aber schlapp herum und hat uns mit Mundwerk und Füßen bloß die Geräuschkulisse geboten.

Fünf Menschen und ein Klavier machen keinen großen Operettenabend. Sie können aber etwas davon erzählen, was das Wesen des Theaters ist: spielen, tanzen, singen, lachen, plappern, den ganzen Mut zusammennehmen und einer hinglotzenden, wohlgesonnenen, aber schon auch abwartenden Menschenmenge geduldig etwas vormachen. Das funktionierte in der Premiere gut. Interessanterweise tun Menschen kaum etwas lieber, als zum Cancan zu klatschen oder zur Barcarole zu summen, als wären wir inzwischen in der „Fledermaus“ und beim Fest des Prinzen Orlofsky.

Improvisiert und lässig wirkt auch die Rahmenhandlung. Liebe und Eifersucht keimen milder als in Operettenhandlungen. Und am Ende darf sich das Ensemble zwar applaudieren lassen, aber gleich fängt die „Kahle Sängerin“ an. Knallhart, das Bühnenleben.

Fritz Rémond Theaterim Frankfurter Zoo: bis 16. Juni. www.fritzremond.de

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