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Schuftereien, alles für Angélica Liddell.

Wiesbaden

Die Seelenqualen der Herrin

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Die Spanierin Angélica Liddell breitet ihr jüngstes Theater der grausamen und sanften Extreme bei den Maifestspielen aus.

So einige Zuschauer und Zuschauerinnen verlassen erwartungsgemäß Türe schlagend den Saal, die Pause hatte man wohlweislich gestrichen. Die Arbeiten der spanischen Künstlerin und Meisterin der Selbstdarstellungstortur, Angélica Liddell, bewegen sich zuverlässig im Grenzbereich zwischen Provokation und Peinlichkeit. Sie selbst erscheint darin als Hohepriesterin des Schmerzes, als düstere Exorzistin ihrer eigenen unbefriedigten Innenwelt sowie als Schamanin eines unausdeutbaren Theaterrituals.

Die große Wiesbadener Bühne samt neobarockem Portal erweist sich als idealer Rahmen für ihre neueste Performance „The Scarlet Letter“ („Der scharlachrote Buchstabe“) nach Nathaniel Hawthorne. Die Deutschlandpremiere war jetzt bei den Internationalen Maifestspielen zu sehen.

In Hawthornes Roman wird die Ehebrecherin Hester mit einem A gebrandmarkt, und auch Liddell trägt ein solches A über dem Herzen. A nicht wie Adultery, also Ehebruch, sondern A wie Angélica, A wie Artist. A wie Außenseiterin, denn als solche gebärdet sich die Performerin Liddell stets in ihrem Kampf mit den Gespenstern der Freiheit. Und A wie Antonin Artaud, dessen Antlitz am Ende wie eine Mottofahne über der Bühne hängt. In seinem Sinne erzählt Liddell keine geschlossene Geschichte, liefert keine Romanadaption, sondern eher einen bruchstückhaften Parcour des Schmerzes.

Ein Amor eröffnet den Abend, Adam und Eva treten auf, Männer, die erst mit schwarzen Kapuzenkutten hereinschreiten, sind Liddell später nackt zu Diensten. Virile Hupfdohlen, die ihr den eigenen Penis reichen wie eine Hostie, sich unterwerfen, zum Möbelstück oder zur Skulptur formen. Ihre Zeremonienmeisterin ist die seelengequälte Angélica Liddell, Herrin der Lage und Hingabe. In einem umwerfenden Monolog, der spanische Satzkaskaden wie Gewehrsalven abfeuert, rechnet Liddell mit ihren in die Jahre gekommenen Geschlechtsgenossinnen ab. Eine Publikumsbeschimpfung, die vor Niedertracht und weiblichem Selbsthass bebt. Später kommen weitere Monologe hinzu, mal atemlos, mal zart. Wie der disparate Abend es überhaupt versteht, extreme Gefühlslagen in all ihrer Grausamkeit und Sanftheit zu formulieren.

Die Musikauswahl klingt, als spiele die Jukebox verrückt: Smash Hits folgen sakralem Chorgesang, säuselnde Chansons auf Technobeats. Dazu gurrt, kläfft, schreit, spuckt, sabbert, heult Liddell und performt sich gegen alle Regeln der Kunst in einen hysterischen Rausch hinein. Eine unsubtile Kampfansage an den Puritanismus, die immer neue Bilder für das Unsagbare schafft. Da fällt der schwere Theatervorhang wie ein Schuldspruch und Liddell kämpft sich als tapfere kleine Madonna wieder hervor, bevor der nächste Vorhang fällt.

Dass wir unser Leben und Leiden erst in der Wiederholung begreifen, illustriert Liddell mit an Pasolini erinnernder Verve und Traurigkeit. Ihr neuer, schon mal zäh fließende Abend vermittelt sich in weiten Teilen eher intuitiv als intellektuell. Jenseits der Worte erzählt er in pathetischer Wucht und Unvernunft, ohne Halt und Angst von der Einsamkeit des (Auf)Begehrens.

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