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„Secret Life of Humans“ im English Theatre Frankfurt – Wie wir wurden, was wir sind

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Von: Judith von Sternburg

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Kurzes Glück: Jamie und Ava. Foto: Martin Kaufhold
Kurzes Glück: Jamie und Ava. Foto: Martin Kaufhold © Martin Kaufhold

David Byrnes verschlungenes Drama „Secret Life of Humans“ im English Theatre Frankfurt.

David Byrnes Theaterstück „Secret Life of Humans“ bietet im English Theatre Frankfurt einen interessanten Abend auf mehreren Ebenen. Erst muss man sich in der ambitionierten Gemengelage orientieren, dann wird in nicht unvertrauter englischsprachiger Theatertradition große Geschichte groß erzählt, aber auch ein bisschen übersichtlich gemacht. Das sorgt immer für eine Mischung aus Unter- und Überforderung. Und die Lahmheit von Figuren, die Ideen und Prinzipien verkörpern müssen, lauert natürlich auch.

Dahinter schließlich die komplizierteren und noch viel interessanteren Geschichten aus dem echten Leben der Menschen. Diesmal stoßen sie das Publikum auf den in Deutschland nicht so bekannten britischen Mathematiker Jacob Bronowski (1908-1974).

Die Konstruktion: die smarte Wissenschaftlerin Ava, Suzy Kohane, ist beruflich gestrauchelt, ein Erfolg muss her, und dass ihr argloses Online-Date Jamie, Jamie Samuel, der Enkel des berühmten Bronowski ist, trifft sich gut. Durch ihn kommt sie an Unterlagen, die der Großvater unter Verschluss hielt und die seine Beteiligung am militärischen „Operations Research“ im Zweiten Weltkrieg belegen. Ein bisschen zugespitzt, nein, reichlich zugespitzt wird in Rückblenden gezeigt, wie Bronowski, Peter Clements, und sein Kollege George, Alex Wilson, praktisch die mathematische Wunderformel für den effizientesten Bombenkrieg finden.

Die große Geschichte: Für ein englisches Publikum gewiss immer noch brisant, steuert Byrne das Thema von Forscherdrang und Schuld mit Blick auf die Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten an. Dass Menschen einander töten und zwar methodisch, wird Ava nicht erstaunen, während Bronowski mit seiner damals höchst populären BBC-Wissenschaftsserie „Der Aufstieg des Menschen“ als Optimist vorgestellt wird.

Die Vogelperspektive auf die ganz langen Linien des Menschseins – was auch immer das für Linien sind – verbindet Bronowski mit Yuval Noah Hararis Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, den Byrne als Inspiration für sein 2017 uraufgeführtes Stück nennt und dessen weit skeptischere Haltung sich in Avas Lektionen widerspiegeln wird. Dass der Blick aufs Große spannend und oberflächlich zugleich ist, gehört dazu, ebenso, dass eine theoriebeladene Handlung nicht ganz so dramatisch ist, wie es einem Theaterstück bekommt. Denn so ist der Mensch ja auch: Er will etwas lernen, aber sich noch lieber von der kleinen, folgenlosen Geschichte von Ava und Jamie mitreißen lassen.

In Frankfurt ist Byrne sein eigener Regisseur – Richard Delaney ist sein Co – und holt sicher alles raus aus Plot und Botschaft, aus einem äußerst überzeugenden Ensemble und der ausgezeichnet in Szene gesetzten Bühne. Ist die Bühne nicht sogar der größte Star? Nicht nur gleiten die Bücher- und Aktenregalelemente wie von Geisterhand (an sich aber einfach auf vorzüglichen Rollen), verengen den Raum, ermöglichen Szenenwechsel in Windeseile, die hier auch Zeitenwechsel sind, und beleben die Konversationssituation ungemein. An der grauen Rückwand entwickeln sich vage Videos (Zakk Hein) und vertreten die Fußabdrücke und Schatten der Vorfahren. Als Sinnbild der wandelnden Menschheit laufen auch ein angeseilter Schauspieler, eine angeseilte Schauspielerin horizontal an der Wand entlang. Ziemlich spektakulär.

Kohanes Ava beherrscht den Raum wie eine gewiefte Lehrerin, und ihr Date beherrscht sie auch. Samuels Jamie ist kein Simpel, aber arglos und noch greifbarer als Ava, deren akademische Missetaten kaum zu ihr passen wollen. Clements’ Bronowski löst sich bald von dem Klischee des eitlen und über alles Leid der Menschheit mit seinem Fortschrittsglauben hinwegwalzenden Wissenschaftlers. Gerade in den zärtlichen Szenen mit seiner Frau Rita, Olivia Hirst, tritt er uns als originelle Persönlichkeit entgegen. Zwei ansprechende Paare also, die freilich zurücktreten müssen hinter der großen Menschheitsgeschichte von Evolution, Ambition und Schuld.

Im Anschluss lohnt es sich, auf Youtube das im Stück (und im eingeblendeten Video) mehrfach erwähnte Gespräch Bronowskis mit dem englischen Moderator und Talkmaster Michael Parkinson anzusehen – so detailliert und individuell, dass das Leben doch wieder die Kunst schlägt.

Apropos Leben: Das English Theatre selbst befindet sich weiterhin in ungewisser Lage. Die Commerzbank ist, wie am Samstag berichtet, bereit, den auslaufenden Untermietvertrag am perfekten Standort im Gallileo-Hochhaus – das sie selbst 2024 verlassen wird – wenigstens noch bis Mitte April 2023 zu verlängern. In dieser Woche will das English Theatre die weiteren Planungen bekanntgeben.

English Theatre Frankfurt: bis 29. Oktober. www.english-theatre.de

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