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Sebastian Weigle über die „Meistersinger“: „Ich habe alle Hände voll zu tun, und schon ist der Akt vorbei“

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Von: Judith von Sternburg

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„Bequeme Kleidung trage ich im Graben sowieso, in Frankfurt liegt er so tief, dass praktisch nichts von mir zu sehen ist.“ Sebastian Weigle am Ort des Geschehens. Foto: Renate Hoyer
„Bequeme Kleidung trage ich im Graben sowieso, in Frankfurt liegt er so tief, dass praktisch nichts von mir zu sehen ist.“ Sebastian Weigle am Ort des Geschehens. © Renate Hoyer

Vor der „Meistersinger“-Premiere an der Oper Frankfurt: Sebastian Weigle über Beckmesser als Menschen wie ich und du und die Frage, wie „deutsch“ und „pompös“ das klingen soll.

Herr Weigle, wann und wie hat Ihre Geschichte mit Wagner begonnen?

Eigentlich erst nach dem Studium. Als Student habe ich schon Wagner-Passagen gespielt oder besser gesagt geübt. Mir selbst fiel einfach auf, was für ein guter Komponist das war. Was er schrieb, passte zum Instrument, es war genau das, was man jeden Tag spielen wollte.

Als Hornist, meinen Sie ...

... richtig, vom Dirigieren war da noch gar nicht die Rede. Aber als Hornist habe ich mich von Wagner hinreißen lassen, von Wagner und Richard Strauss. Dann kam ich als Solohornist zur Staatskapelle Berlin, das war 1982.

Und Sie waren erst 21.

Wagner stand oft auf dem Spielplan, und je besser die Dirigenten waren, desto mehr Spaß hat das gemacht. Es gab dann einen Kollegen, der aus Westdeutschland Schallplatten mitgebracht hatte. Und wir haben uns mit Klavierauszügen versorgt, „Ring“-Treffen gemacht, fünf, sechs interessierte Leute. Wir haben zusammen gegessen, Wein getrunken, einen Akt gehört, darüber geredet. Das hat meine Liebe zur Musik von Richard Wagner voll entfacht, vor allem meine Liebe für seinen kunstvollen Umgang mit der Leitmotivtechnik. Man spielt eine Passage jahrelang, um erst dann plötzlich zu merken, dass dieses oder jenes Motiv auch noch drinsteckt. Wie ist es möglich, dass so etwas von einem einzigen Kopf ausgeht?

Aber Thomas Manns Wort von den „Dilettantismen“, aus denen sich Wagners Genie zusammensetze, ist trotzdem irgendwie hängengeblieben.

Wenn man die Musik nicht mag oder sie von der Antisemitismus-Problematik aus verurteilen will, dann kann man ihr auf diese Weise einen Beigeschmack geben. Aber das trifft nicht zu, das Gegenteil ist der Fall. Es ist Professionalität auf höchstem Niveau.

Die „Meistersinger“ haben Sie in Bayreuth dirigiert. Kann einen nach der Bayreuther Akustik noch etwas schrecken?

Es ist sicher das Komplizierteste, was ich aufführungstechnisch je erlebt habe. Man muss eine ständige Verzögerungssituation einkalkulieren. Man hört die Sänger eher, weiß aber, dass der Orchesterklang später ankommt, weil er erst auf die Bühne geht, bevor er Richtung Zuschauerraum zurückgeworfen wird. Man hört selbst also alles verzerrt, damit es draußen dann einigermaßen zusammen ankommt. Da macht das Dirigieren nur bedingt Spaß.

Aber trotzdem ein Ritterschlag,

Zumal Wolfgang Wagner mich noch persönlich angerufen hat. Er und seine Frau Gudrun reisten damals viel, er hatte sich bestimmt zwei oder drei meiner „Meistersinger“-Dirigate angehört. Dass er dann dachte: Das ist ein Mann für uns, das war schon eine Freude. Er hat seiner Tochter die Regie und mir das Dirigat anvertraut. Und ich habe dann alle fünf Aufführungsserien gemacht. Ja, das ist schon eine Art Ritterschlag.

Wie ist für Sie denn die Akustik hier im Frankfurter Opernhaus?

Ich kann jetzt nicht behaupten, das wäre eine der besten Theaterakustiken, die ich kenne. Aber man lernt damit zu leben, und das meine ich positiv. Dass jedes Theater anders ist, macht die Arbeit so interessant. Der Raum ist jedenfalls in Ordnung, und wenn ein gescheites Bühnenbild dasteht, funktioniert das gut im Zusammenspiel.

Das unberechenbare Element einer Live-Aufführung: Was bedeutet das speziell für die „Meistersinger“?

Bei einem solchen Konversationsstück muss sich das Orchester ständig zurückhalten, aber es darf nicht den Spaß an der Sache verlieren. Wenn das Orchester permanent daran erinnert werden muss, leiser zu spielen, kann das sehr frustrierend sein. Alles steckt hier im Ton und im Wort. Das ist bei einer italienischen Oper mit den vielen Vokalen leichter, da ergibt sich immer eine gebundene Strecke. Nehmen sie „la luna“ und „der Mond“.

Tja, da knallt der Konsonant.

Und er muss knallen, sonst hören Sie gar nichts mehr. Es ist leichter, mit großen, ausladenden Bewegungen dirigieren zu können. Aber das animiert sofort, der Ofen geht an. Ich bin also die ganze Zeit damit beschäftigt, alles möglichst klein zu halten, zu reduzieren. Das herrliche Vorspiel macht es nicht leichter, das strahlende C-Dur, die vielen Themen, unheimlich einfallsreich, bis hin zum Pizzicato im Kontrabass, wenn einem der streitenden Meister der Knopf abplatzt. Ich liebe diese Stelle, da laufen Filme bei mir ab. Aber im Anschluss ist eben Zurückhaltung gefragt. Das Orchester gewöhnt sich dran. Ist im Grunde auch schöner, wenn man dann hört, wie oben die Sänger singen.

Wie wichtig ist für Sie das szenische Geschehen?

Wenn irgend möglich betreue ich die gesamte Produktion. Was mir auffällt oder nicht behagt, thematisiere ich sofort. Natürlich nur Dinge, die die Musik betreffen. Vielleicht steht jemand zu weit hinten oder eine Szene ist zu weit zur Seite gedreht. Wer hier im Haus – und nicht nur hier – zur Seite singt, ist weg. Auch diesmal konnten wir einige Dinge schnell klären. Dass Johannes Erath selbst Musiker ist, ist ein Riesenvorteil. Eine solche Zusammenarbeit ist fantastisch.

Sie sind also in den Proben? Das ist nicht die Regel.

Nein, absolut nicht. Viele Dirigenten kommen erst in den Orchesterproben dazu. Aber an der Stelle fühle ich mich der alten Kapellmeistertradition verbunden, nach der der Dirigent da ist und die Arbeit nicht nur von Assistenten machen lässt.

Was aber tun, wenn die Bilder auf der Bühne ganz andere sind als die in Ihrem Kopffilm?

Zur Person

Sebastian Weigle, 1961 in Berlin geboren, ist Solohornist der Berliner Staatskapelle gewesen, bevor er sich in den 90ern aufs Dirigieren konzentrierte. Seit der Spielzeit 2008/09 ist er Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, die er Ende dieser Spielzeit verlassen wird. „Die Meistersinger“ sind aber noch nicht seine letzte Premiere als GMD, Ende der Saison wird er Rudi Stephans Oper „Die ersten Menschen“ leiten. Auch im Museumskonzert in der Alten Oper ist er in dieser Saison mehrfach zu erleben, als nächstes am 13./14. November mit einem Rachmaninow-Tschaikowski-Programm.

Richard Wagners „Meistersinger“ hat Weigle in bislang sieben Produktionen mit 55 Aufführungen dirigiert: nachzulesen in seiner Partitur, in die er alle Termine eingetragen hat, darunter die Bayreuther Dirigate 2007 bis 2011. In der achten Runde ist Johannes Erath der Regisseur, Nicholas Brownlee singt den Sachs, Michael Nagy den Beckmesser, Magdalena Hinterdobler die Eva, AJ Glueckert den Stolzing, Claudia Mahnke die Magdalena und Michael Porter den David. Premiere ist am Sonntag, 6. November, Restkarten bedeutet hier wirklich Restkarten, aber sehen Sie selbst. www.oper-frankfurt.de

Das stört mich nicht. Da mache ich mir meinen eigenen musikalischen Film. Für mich ist das Wichtigste, dass sich meine musikalische Interpretation mit den akustischen Gegebenheiten deckt. Wenn Inszenierung und Bühnenbild für mich stimmen, bin ich noch glücklicher. Ein kluger Regieeinfall kann mich ja auch musikalisch auf eine andere Idee bringen.

Gerade in den „Meistersingern“ und gerade da, wo es unbehaglich wird, gibt aber doch vor allem das Orchester die Stimmung vor. Nehmen Sie allein den Pomp, auch den unguten Pomp am deutschtümelnden Ende etwa.

Das ist richtig, richtig ist aber auch, dass Richard Wagner es alles hingeschrieben hat. Wenn es wirklich „deutsch“ und „pompös“ hergehen sollte, hätte Wagner das geschrieben. Hat er aber nicht. Er schreibt piano, setzt das Orchester ganz zurück hinter den Sänger. Das hätte er ganz anders instrumentieren können, wenn er es gewollt hätte. Selbstverständlich ist da etwas Pompöses drin, auch der erhobene Zeigefinger ist da, aber wir halten das in Grenzen, und zwar getreu der Partitur.

„Wagner hat alles hingeschrieben. Man muss nichts dazutun, man muss es nur verstehen und umsetzen“, sagt Sebastian Weigle. Foto: Renate Hoyer
„Wagner hat alles hingeschrieben. Man muss nichts dazutun, man muss es nur verstehen und umsetzen“, sagt Sebastian Weigle. © Renate Hoyer

Schönes Wort, das Sie vorhin benutzt haben, Konversationsstück.

Es gilt darum, das Ganze in einen leichten, bewegten Fluss zu bringen, es am Leben zu halten. Es muss laufen, es darf nicht hängenbleiben. Da muss man ständig dranbleiben, nachjustieren, auch am Abend selbst, wenn man vielleicht merkt: ah, jetzt sackt das hier weg, jetzt aber mal Tempo. Lange Monologe, große Duette und das mit Spielwitz, das ist nicht einfach. Aber immer wieder muss ich sagen: Wagner hat alles hingeschrieben. Man muss nichts dazutun, man muss es nur verstehen und umsetzen.

Was machen Sie mit dem Beckmesser? Ist das nicht doch Ihre Entscheidung und die des Sängers, ob er schön singt oder wie eine Karikatur?

Für mich ist er ein großer Sympath. Er ist ein normaler Mensch. Er ist kein Genie, aber er beherrscht die Regeln der Kunst, er tut, was er kann. Dann sein verrücktes Lied, dessen Text man sich auf der Zunge zergehen lassen muss.

Ist das Lied nur lächerlich oder ist es womöglich auch grandios?

Wir wollen jedenfalls, dass Beckmesser es nicht lächerlich singt, sondern schön. Zugleich, klar, ist er irritiert und hat diese Haltung: Ist eigentlich nicht von mir, verstehe ich auch nicht wirklich.

Zu Beckmesser gehört die Beckmesserharfe. Frankfurt hat sogar eine eigene.

Ja, das ist großartig. Man kann sonst versuchen, die Effekte anders herzustellen, indem man zum Beispiel bei einer normalen Harfe Papierstreifen oder Alufolie zwischen die Saiten steckt. Ein schnarrender Klang muss entstehen. Wagner hat sich das ausgedacht, weil eine Laute viel zu leise wäre. Auch eine normale Harfe würde im Orchesterklang an dieser Stelle untergehen. Die Beckmesserharfe hat Stahlsaiten, es braucht Kraft, sie zu spielen, aber der Klang ist entsprechend stark.

Was halten Sie von Wagners Humor, der mir immer etwas Angst macht?

Mir nicht, gerade in den „Meistersingern“ nicht, in denen ich vieles sehr witzig finde. Etwa die Szenen zwischen David und Magdalena oder die Frotzeleien zwischen Sachs und Beckmesser, was eben nicht bedeutet, dass man Beckmesser der Lächerlichkeit preisgeben muss. Klar ist dagegen, so ist es komponiert und gewollt, dass das Volk Beckmesser auslacht. Man kann da stumm bleiben, aber so machen wir es nicht. Der Detailreichtum ist insgesamt riesengroß. Man probt unheimlich lange an einzelnen Szenen.

Für einen sehr langen Abend.

Allein der dritte Akt dauert zwei Stunden. Nach anderthalb Stunden muss das Orchester eine Pause bekommen. Wann soll man da frühzeitig einmal etwas durchspielen?

Wie gehen Sie selbst als Dirigent einen solchen Abend physisch an?

Wenn ich mir den Koloss als Koloss vor Augen halten würde, dann könnte ich das nicht machen. Im Gegenteil: Wenn ich die „Meistersinger“ dirigiere, blende ich die Gesamtzeit völlig aus, bin ganz im Fluss der Musik, den ich am Fließen halten will, damit keine Langeweile aufkommt. Ich habe alle Hände voll zu tun und bin dann eher erstaunt, wenn der Akt schon vorbei ist.

Ziehen Sie etwas Bequemes an, ziehen Sie die Schuhe aus? Man hört vom Wagner-Dirigieren dies und das.

Bequeme Kleidung trage ich im Graben sowieso, in Frankfurt liegt er so tief, dass praktisch nichts von mir zu sehen ist. Und bequeme Schuhe habe ich auch. Vorm Verbeugen werden dann schnell die Lackschuhe angezogen.

Würden Sie bei Puccini aber genauso machen?

Genauso.

Interview: Judith von Sternburg

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