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„Schwanensee“ des Kiew Grand Balletts: Energiereicher Entenvogel

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Von: Katja Sturm

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Tanzt zu der Musik des Russen Tschaikowski: Kiew Grand Ballett. Foto: Sabrina Tirino
Tanzt zu der Musik des Russen Tschaikowski: Kiew Grand Ballett. Foto: Sabrina Tirino © Sabrina Tirino

Im „Schwanensee“ des Kiew Grand Ballett überzeugt Mie Nagasawa. Von Katja Sturm

Es ist der Ballettklassiker schlechthin, und vor der Coronavirus-Pandemie tourten alle Jahre wieder zur Winterzeit Ensembles aus unterschiedlichen Nationen durch Europa, um ihre traditionelle Version des Märchens „Schwanensee“ zu präsentieren. Jetzt, da die meisten Spielstätten nach der Pause wieder offen sind für derartige Darbietungen, machte das Kiew Grand Ballett auf seinem Weg durch Deutschland und die Schweiz am Sonntag Station in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Das ist allein schon deshalb bemerkenswert, da sich andere Truppen aus der Ukraine den populären Werken des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski derzeit wegen des Angriffskrieges der Großmacht auf ihr Land verschließen.

Die Kompanie von Alexander Stoyanov, die 2014 in der Hauptstadt am Dnepr gegründet wurde, war außerhalb der eigenen Heimat unterwegs, als die Invasion am 24. Februar des vergangenen Jahres begann. Dank Solidaritätsaktionen konnte sie weiter auftreten und ihre Geschichten erzählen. Jene von dem Prinzen Siegfried, der sich in die Prinzessin Odette verliebt, die von einem Zauberer in einen Schwan verwandelt wurde, entfaltet sich inmitten eines Bühnenbildes, das in Pastellfarben gemalte Säulen an der Seite in den Ballsaal eines Königspalastes verwandeln. Im Hintergrund thront auf einem spitzen Felsen inmitten eines Gewässers eine Burg.

Es liegt weniger an den recht einfach gehaltenen Entwürfen der Designer der Nationalen Oper der Ukraine um Malba Verbitskaya oder der Musik vom Band, dass sich die Magie, die gerne mit „Schwanensee“ verbunden wird, lange nicht einstellt. Zu blass bleiben vor allem die männlichen Protagonisten, der hinterhältige, böse Rotbart (Kostiantyn Tsapryka) wirkt wenig teuflisch, der Hofnarr (Vitalii Herasymenko) eher ungewollt witzig. In die anspruchsvolle Choreografie von Marius Petipa und Valery Kovtun schleichen sich Wackler ein.

Mie Nagasawa, die die gängige Doppelrolle der Odette/Odile ausfüllt, dreht diesen Eindruck und nimmt vom ersten Auftritt an für sich ein. Die grazile Japanerin bewegt sich bis in die Fingerspitzen anmutig. Jede Geste, jede Kopfhaltung spiegelt den sich bei der Begegnung mit dem Prinzen (Taras Kovshun) schüchtern zierenden Entenvogel wider. Als Odile fegt die Tänzerin später selbstbewusst und energiegeladen über die Bühne. Trotz zuvor überzeugender Technik hat sie bei den 32 Fouettés zu kämpfen, denen der Auftritt des schwarzen Schwans fast in jeder Inszenierung als Höhepunkt entgegenstrebt. Doch da hat die ausdrucksstarke Asiatin schon längst die Herzen des Publikums erobert.

Klein und zierlich entspricht Nagasawa nicht dem üblichen Klischee der Ballerina. Die anderen Schwäne gleichen einander wenig, trotz Tutu und Federkopfschmuck. Das erschwert, in Reih und Glied, einerseits die Synchronität, andererseits zählt es zu den Stärken der Aufführung, so ein Zeichen für die angesagte Diversität zu setzen. Als sich die beiden Verliebten und endlich Vereinten am Ende gefühlvoll umschlingen und schmachtend ineinander versinken, sind auch die Schwächen verziehen.

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