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Rossini-Rarität: "Sigismondo", quicklebendig in Bad Wildbad.

Rossini in Wildbad

Der Schwan im Schwarzwald

Ein Forum verblüffend hochkarätiger Belcanto-Kunst: Das Opernfestival „Rossini in Wildbad“.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Man kann schon zwei Tage in Theaterräumen des Schwarzwaldstädtchens Wildbad verbracht und doch noch keinen Ton Rossini gehört haben. Das seit 1992 von Jochen Schönleber programmierte Opernfestival „Rossini in Wildbad“, von Jahr zu Jahr an Ausstrahlung und künstlerischem Gewicht wachsend, versteht sich als Treffpunkt von Belcanto-Freunden und als Wiederbelebungs-Laboratorium einer Kunstgattung, die vor allem mit den drei italienischen Opernmeistern Rossini, Bellini und Donizetti verbunden ist – sie und kleinere Talente haben eine Fülle von Werken komponiert, von denen das meiste unter die Räder der Geschichte gekommen ist.

Mehr oder weniger zu Unrecht – wie etwa Vincenzo Bellinis Erstling „Bianca e Gernando“ von 1826, der in einer wuchtigen konzertanten Interpretation unter Leitung des Dirigenten Antonio Fogliani erklang. In einer harfenumrauschten Arie der weiblichen Titelfigur kommt auch Zarteres zur Geltung: Bellinis spezielle musikalische Somnambulität.

Noch weit origineller die gut zehn Jahre jüngere, in ihrer Harmonik weniger stereotype Salonoper „Il conte di Marsico“ von Giuseppe Balducci: Sechs Sängerinnen (darunter zwei Hosenrollen), dazu drei Klavieren, was nach erweiterter Hausmusik klingt – tatsächlich wurden solche Stücke in vornehmen Häusern unter Beteiligung begabter Familienmitglieder exekutiert. Das halbernste Verwirrspiel endet mit einem cancan-ähnlichen tänzerischen Finale von hinreißendem Schwung.

Der Begriff „Belcanto“ wird von Schönleber so weitherzig ausgelegt, dass sogar ein der neuesten Musik verbundenes Vokalensemble dieses Namens aus Frankfurt für die Aufführung von Karlheinz Stockhausens „Stimmung“ eingeladen wurde. Doch selbstverständlich steht der Riese Rossini im Zentrum. Der „Schwan aus Pesaro“ (so sein bekannter Spitzname) fand in Wildbad ein Forum, das an philologischer Gewitztheit und zunehmend auch an vokalvirtuoser Dignität weltweit einen Spitzenplatz einnimmt. Schönleber setzt dabei den Akzent auf vernachlässigte Rossiniopern und bietet immer wieder auch interessante Werkversionen und Erstaufführungen.

Ein Rossini, der nur zu fünfzig Prozent von Rossini ist

Eine geradezu aufwendige Sache war der selten gespielte „Sigismondo“, die dem Genoveva-Stoff ähnelnde Geschichte einer zu Unrecht der Treulosigkeit geziehenen und verstoßenen Ehefrau. Ein Kabinettstückchen ist hier die Bassarie mit Solo-Kontrabassbegleitung im ersten Akt. Rossini, der Instrumentationskünstler! Apart aber auch die Begegnung mit seiner allererster Oper überhaupt, dem Familiendrama um zwei königliche Väter und ihre Kinder: „Demetrio e Polibio“. Fast die Hälfte ihrer Nummern stammt nachweislich oder wahrscheinlich nicht von Rossini; die Ouvertüre etwa hat noch gar nicht den Maschinenzeitalter-Drive der späteren Instrumentaleinleitungen.

Geläufiger der französisch getextete Schwank „Le Comte Ory“. Der Titelheld tritt ausschließlich in Nonnenverkleidung auf und bemäntelt mit heiligem Getue seine sexuellen Nachstellungen – ein musikhistorischer Hit, dass dieses frivole Sujet seinerzeit durch die Zensur kam. Gewählt wurde hier die Version mit sieben statt vierzehn Vokalsolisten. Dabei gibt es in Wildbad keine Scheu vor großen Besetzungen, auch wenn die beiden zur Verfügung stehenden Säle eher klein sind: Das zierliche, anmutig konservierte Königliche Kurtheater und die wie improvisiert in ein Auditorium umgewandelte Trinkhalle. Platz ist jeweils für zirka 300 Zuschauer. Es bleiben kaum Plätze frei (viel Stammpublikum).

Wer erinnert sich noch an die Kassandras, die vor einem halben Jahrhundert den Tod der Gesangskunst an alle Wände malten? Manchmal stimmt: Wo Bedarf ist, wächst das Angebot. Zudem globalisieren sich Musikmarkt und Ausbildung. Ein Belcanto-Mekka wie Wildbad tut ein Übriges, Könnerschaft heranzubilden und anzuziehen. So gab es in allen Produktionen sängerisch Staunenswertes und geradezu Phänomenales wie die markante, in ihren Altregistern umwerfend machtvolle Margarita Gritskova (als Sigismondo), die in atemberaubenden Koloraturen exzellierende Sopranistin Sara Blanch (Gräfin im „Ory“), den in aller Attacke lyrisch disziplinierten Tenor Maxim Mironov (als Gernando) oder die auch mit prachtvollem Spieltalent aufwartende Mae Hayashi („Marsico“, „Ory“).

Manche Sänger brachten wahre Stentorstimmen mit, die die Hallen der Met mühelos gefüllt hätten, in Wildbad aber fast wie die Posaunen von Jericho anmuteten. Durchweg erfahren auch mit zurückhaltender Tongebung waren die vorzüglichen Kollektive (Bachchor Poznán, Virtuosi Brunensis, zumal unter der Leitung von Luciano Acocella).

Die Gegebenheiten führen in Wildbad zu einer Szenographie, die Sparsamkeit als Stilmittel erscheinen lässt. Ob Vorstellungen als „szenisch“ oder „halbszenisch“ deklariert werden, macht dabei kaum einen Unterschied. Um zündende oder kuriose Ideen waren weder Nicola Berloffa („Demetrio“, „Ory“) noch Jochen Schönleber verlegen, der inszenatorisch selbst Hand anlegte („Marsico“, „Sigismondo“).

Rossini war zu Lebzeiten nur einen Sommer im Schwarzwald. Als schon älterer Herr, 1856. Sein Wildbader Kurarzt hieß übrigens Dr. Schönleber. Kein Vorfahr. Aber ein netter Gruß des Zufalls.

Rossini in Wildbad: bis 24. Juli.

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