Schillers „Kabale und Liebe“

Im Schraubstock der Konvention

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Schillers „Kabale und Liebe“, einleuchtend und konzentriert in Wiesbaden.

Hallöchen“, sagt Hofmarschall Kalb, Felix Strüven, spricht das Publikum im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters an, plaudert über Sekt und Schnittchen und dass der Abend ja leider keine Pause hat. Und dann kommt auch noch Musikus Miller herein, Benjamin Krämer-Jenster als Udo-Lindenberg-Verschnitt. Ach, denkt man, das wird wieder so eine Schiller-Verjuxung, wie schade. – Wird aber Johanna Wehners Inszenierung dann doch nicht; ihre Fassung von Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ ist zwar nüchtern, legt aber in ihrer Strenge die fatalen Bindungen, die tödliche Maschinerie der Standesunterschiede, die Arroganz der Macht offen.

Abgründe tun sich auf in Volker Hintermeiers brutal leerem und eckigem Bühnenbild, das nur aus Spielflächen unterschiedlicher Höhe besteht, im Halbdunkel liegend. Wurm, Atef Vogel, rutscht gleich mal ab, die Frauen schwanken auf ihren Pumps darüber, Lady Milford, Karoline Reinke, stolpert später fast über schwere, bodenlange Ketten, ein groteskes Schmuckgeschenk des Fürsten (Kostüme: Su Bühler). die Lady wird Luise, Mira Benser, auffordern, näher und noch näher zu kommen, aber die junge Frau wird auf ihrer Scholle bleiben. Allesamt sind sie oft wie auf Eisschollen allein.

Regisseurin Johanna Wehner hat aus dem Schillerschen Text prägante Leitsätze destilliert, „mein Herz ist hungrig“ zum Beispiel. Hat sicher auch manches hineingeschrieben. Und immer wieder lässt sie kurz im Chor oder im Duett sprechen, von den beiden Vätern etwa, so dass offensichtlich wird, wie sie sich trotz des gesellschaftlichen Unterschieds gleichen. Miller ruft so herrisch nach Luise wie der Präsident, Janning Kahnert, nach seinem Sohn Ferdinand, Tobias Lutze. Sie sind Patriarchen. Frauen – „Marsch du, in deine Küche!“ (Miller zu Frau Miller) – und Kinder sollen nach ihrer Pfeife tanzen. Auch Ferdinand, sogar Ferdinand besteht auf „meiner Luise“, immer nur seiner. Luise sagt leise: „Ich dachte, ich kann noch sehr vieles sein.“

Für die Handlung hat Wehner wenig Geduld, die Schicksalsmühlen mahlen schnell bei ihr. Aber es kommt doch alles vor, was nötig ist, um den Konflikt und die Intrige zu verstehen. Und die Verdichtung macht anschaulich, wie die Figuren im Schraubstock ihrer gesellschaftlichen Rollen stecken. Kein Wunder, dass ihre Herzen hungrig sind, kein Wunder aber auch, dass sie „weg, weg, einfach weg“ wollen – vor allem die drei Frauen, Luise, Lady Milford und auch Frau Miller, Evelyn Faber.

Gut zwei pausenlose Stunden dauert „Kabale und Liebe“ in Wiesbaden, und wenn davon ein paar Minuten vertändelt werden, dann nur die allerersten. Anschließend ist der Text gefügt wie eine intrikate Partitur mit Leitmotiven, aber trotzdem bleibt Raum für die Bewegungen des Herzens. Sie werden ohne ein Übermaß an Emotion vorgetragen, auch dabei herrscht ein gewisses, angenehmes Maß an Nüchternheit.

Am Ende beklagen alle noch schnell unisono ihr Weh, dann geht abrupt das Licht aus.

Staatstheater Wiesbaden: 19., 21., 27., 30. Juni. www.staatstheater-wiesbaden.de

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