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Michael Benthin passt nicht, Paula Hans (Video) schon.

"Schöne neue Welt" am Schauspiel Frankfurt

Ein schönes Stück neue Welt

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Aldous Huxleys Klassiker "Schöne neue Welt" zeigt das Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot.

Das Schauspiel Frankfurt hat im Bockenheimer Depot für die letzten Wochen des Jahres ein Stück „Schöne neue Welt“ aufgebaut. Hinten wird Susanne Schuboths Spielkreis durch eine halbrunde weiße Mauer abgeschlossen, eine Projektionsfläche für viele bunte angenehme Bilder (Video: Rebecca Riedel). Sie sind per unsichtbarem, aber allgegenwärtigen Touchscreen zu bedienen, mit einem Wisch ist alles weg. Es ist auch ansonsten bunt und angenehm. Unanstrengende Musik von Michael Verhovec erfüllt die Halle. Womöglich riecht es sogar gut, was die Bewohner der schönen neue Welt genießen könnten, denn sie kennen keinen Schnupfen.

Rudimente von Seelenpein hingegen kennen sie schon. Es ist aber nicht so, dass Jorinde Dröse im Mindesten versuchen würde, Aldous Huxleys Roman nachzuerzählen. Die Bühnenfassung von Robert Koall, 2014 in Dresden erstmals verwendet, hat die Regisseurin für Frankfurt noch einmal deutlich komprimiert, ums Erzählen geht es überhaupt nicht mehr (wehe dem, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, und das ist ausnahmsweise buchstäblich gemeint, denn zweifellos sind in den kommenden Wochen Schulklassen zuhauf zu erwarten). Stattdessen werden frei flottierend Situationen und einige Themen aufgegriffen, auf eine Weise, die gewissermaßen der schönen neuen Welt entspricht. Es sieht gut aus, geht nicht ins Detail, fordert nicht heraus, nicht zum Denken, nicht mal übermäßig zum Widerspruch, ist eine rigorose Inszenierung der Oberfläche, aber auch dem Rigorosen daran wird bis zur letzten Sekunde (siehe unten) nicht weiter nachgegangen.

Grusel der Konditionierung

Das dürfte das Hauptproblem dieses bei aller Chicness flau und leicht naiv wirkenden 100-Minuten-Abends sein: Dass jenseits eines Imitats der schönen neuen Welt nichts ist. Arbeitswelt oder der Grusel der Konditionierung werden durch Videobilder aus der Marketing-Abteilung der schönen neuen Welt vermittelt. Im Unterricht wird darüber gewiss zu reden sein, fürs Theater ist das nicht so viel.

Das Personal, bei Huxley freilich auch Ideenträger, aber immerhin das, passt sich in Frankfurt dem Rahmen an, wird glatt und geschmeidig und indifferent.

Lenina und Fanny, Paula Hans und Paula Skorupa, sind der reinste Hedonismus, und wenn es kurz hapert am Glücklichsein, dann gibt es immer noch die goldglittrige Droge Soma. Die Männerrollen dienen vor allem der Gelegenheit, Christoph Pütthoff (als Bernard Marx) und Torben Kessler (als Helmholtz Watson) lustig zu frisieren. Und Kessler zwischenzeitlich zu Demonstrationszwecken in einen Plastikballon zu stecken.

Aus einer wahrlich anderen Welt stammen Linda und John Savage, Michael Benthin (umwerfend als völlig unkomische müde alte Frau) und Sascha Nathan (dank Koall nun ausschließlich in Shakespeare-Zitaten sprechend). Sie campieren quasi bei uns vor der Haustür – in einem kleinen Zelt vor dem Depot –, bevor sie sich grob und alternd und in jeder Hinsicht nicht in die schöne neue Welt passend in die Handlung mischen. Da es aber keine Handlung gibt, ist das nicht wirklich von Belang.

Am Ende knipst der Weltkontrollierer Mustapha Mond, Max Mayer – der erneut lässig und gefährlich ist, aber ohne Kontext geht das auch ins Leere –, auf allgemeinen Wunsch hin die schöne neue Welt aus, beziehungsweise macht das Licht an. Die Figuren glotzen herum, das Publikum glotzt herum. Nicht gerade interessant und erfreulich hier. Aber das war’s auch schon.

Schauspiel Frankfurt, Bockenheimer Depot: 25. November, 2., 4., 5., 8.,11., 18., 20., 21., 27., 28. Dezember. www.schauspielfrankfurt.de

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