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„Schöne neue Welt“ in Wiesbaden: Eine Welt ohne Krieg

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Von: Judith von Sternburg

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Sybille Weiser als Linda, hinten Felix Strüven als Helmholtz Watson.
Sybille Weiser als Linda, hinten Felix Strüven als Helmholtz Watson. © Karl und Monika Forster

Am Staatstheater Wiesbaden bekommt Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ einen verrückten aktuellen Dreh.

Wenn Malte Kreutzfeldt inszeniert, kann man sich anscheinend auf einen bedachten und intelligenten Abend einstellen. Über die Jahre begegnet man ihm auch in der Region immer wieder, sei es Zuckmayer, Büchner oder Schiller in Darmstadt, sei es meinetwegen auch Umberto Eco bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel. Immer gibt es einen unaufdringlichen Dreh ins Gekonnte und Besondere. Dazu bei Bedarf markant plausible Textfassungen, jetzt am Staatstheater Wiesbaden zu Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“.

Indem Kreutzfeldt vieles auslässt, kann er eine starke, runde, nicht überfrachtete Geschichte erzählen. Und den Schulklassen, die diese Produktion hoffentlich stürmen werden, zugleich Diskussionsspielraum an die Hand geben. Angefangen von der Figur der Benita Moon, mit der er die Geschlechterzuteilungen der Vorlage unterläuft und Evelyn Faber als smarte, harte Dea ex machina auftreten lässt. Ihre Argumente für die „schöne, neue Welt“ sind schaurig plausibel: kein Krieg, kein Hunger, keine Aggression, Unzufriedenheit, Traurigkeit, kein Drama. Das „Recht unglücklich zu sein“ hat auch eine theoretische Seite.

Wobei Huxleys Dystopie von 1932 an allen Ecken und Enden ihre Anschlussfähigkeit an unsere nicht schöne alte Welt zeigt: Das Wegdrängen des Alterns und des Langzeitgedächtnisses, die Gefährlichkeit von Büchern und generell Geschichten und Geschichte. Das Primat der Lüge, die natürlich nicht so genannt und einfach durch den Ausschluss von Information erreicht wird. Man bleibt unter sich, dann passt weiterhin alles prima zusammen.

In erster Linie kommt das Ensemble aber ins Erzählen, so dass sofort das Gegenteil von dem stattfindet, was in der schönen neuen Welt erlaubt sein sollte. Das Publikum kann sich sein eigenes Bild machen. Und bekommt zugleich imposante Bilder geboten.

Von Kreutzfeldt ist auch die Bühne, ein weißer futuristischer Kasten im schwarzen Raum, der sich illuminieren und zudem nachher öffnen lässt, um den Weg in die Wildnis anzudeuten. Christine Hielscher hat das Ensemble extrem adrett eingekleidet, Diener und Dienerinnen einer gut organisierten Gemeinschaft. Aus einer geruhsamen Eingangssequenz, in der die blütenweiße Fläche poliert und die Lebensdevise der auch genügsamen neuen Welt vermittelt wird, mendelt sich das Personal heraus. Kühl und sinnlich die Damen und Herren, die Herren dabei mit einem dezenten donjuanesken Ehrgeiz, so dass das Sexistische beiläufig mittransportiert wird.

Klara Wördemann ist die reizende Lenina, Christina Tzatzaraki die einen feinen Hauch tumbere Fanny, Tobias Lutze der hier besonders robespierrehafte Henry, Felix Strüven der integre Helmholtz Watson. Paul Simon ist der Alpha-Plus Bernard, dessen leichter Defekt mit fabelhaften Stolpereien vermittelt wird, wie überhaupt die Beweglichkeit der Mitwirkenden passgenau eingesetzt ist. „Biegsam“ die Frauen, dynamisch aber auch die Männer (Choreografie: Gabriel Galindez Cruz), ausgeflippt schließlich Sybille Weiser als Linda, die im Soma-Wahn (Soma, die Glückspille, mit der hier, praktisch nicht mehr futuristisch, alle Probleme gelöst werden) in einer Glasröhre herumturnt.

Linda rückt als in der Wildnis abhanden gekommene frühere Freundin des Brutstättendirektors Thomas (Matze Vogel musste hier einspringen und tat es mit Bravour) ins Zentrum des Geschehens. Zusammen mit Lukas Schrenk als ihrem Sohn John (John Savage, der Wilde) muss sie auf engstem Raum einen Eindruck davon vermitteln, wie es sich zwischen den beiden Welten verhält. Großartig vertritt sie das Unkalkulierte und Unkalkulierbare, zum Schrecken der reinlichen Gesellschaft im Kubus.

Im Spiel praktisch keine Ablenkung, keine Abschweifung, 110 pausenlose Minuten, die vorübersausen und trotzdem ungemütlich genug sind.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: 9., 17., 18. März, 23. April. www.staatstheater-wiesbaden.de

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