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Die Romeo und Julia-Balkonszene mal andersherum.

Staatstheater Mainz

Die schöne Millerin

„Kabale und Liebe“, sehr jugendlich am Staatstheater Mainz: Man kann Glogers Inszenierung zu slapstick-reich finden, aber wo, wenn nicht in Schillers Jugendstück, das der Stürmer und Dränger 23-jährig niederschreibt, sollten sich junge Schauspieler sonst austoben?

Von Grete Götze

Das ist ja eine Verhohnepipelung Schillers sondergleichen, denkt man erstmal. Eine Kindchenschema-Luise in Schlabberpulli und Wollsocken, die sich mit ihrem Hausmeister-Vater Hip- Hop-mäßig abklatscht. Eine Mama in Hausfrauen-Schlappen und ein viel zu sehr drauf drückender Präsidentensohn Ferdinand (André Willmund).

Gar nicht so blöd von Regisseur Jan Philipp Gloger, Jahrgang 1981, denkt man im nächsten Moment, arbeitet er doch durch die karikaturhafte Überzeichnung des Präsidentensohns dessen narzisstischen Charakter heraus. Gloger präsentiert dem Zuschauer hohle Gefühle zwischen erstmals Liebenden, was der hohle Bücherturm inmitten der ansonsten leeren Bühne versinnbildlicht. Ferdinand ist einer literarischen Vorstellung von Liebe verfallen, die mit einer echt gelebten Beziehung nichts zu tun hat und in seinem Aufzug als junger Autor Schiller in Strumpfbändern gipfelt.

Mit seinen grenzenlosen Gefühlen stürzt Ferdinand die Bürgerstochter Luise „Millerin“ und sich selbst ins Unglück. Luise (Johanna Paliatsou, fulminant in leisen wie in lauten Tönen), wirkt neben dem verkünstelten Ferdinand und durch ihren Konflikt zwischen dem Vater und dem Geliebten umso authentischer. Die Bösen spielen, ebenfalls überzeichnet, Stefan Walz als Präsidentenpapa und Verena Bukal als Lady Milford, die Kasper geben Lukas Piloty als Wurm und Stefan Graf als Hofmarschall von Kalb.

Zu diesem ganzen jugendlichen, dynamischen Spektakel erklingt immer wieder Franz Schuberts „Die liebe Farbe“ aus dem Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ (lustig als Untermalung eines Stücks über eine schöne Millerin!), in dem es um die Wanderung des Müllerburschen geht, das scheinbare Liebesglück, die Enttäuschung über den Verlust desselben und schließlich um ein todtrauriges Ende.

Die Parallele zum Stück ist unverkennbar, und doch ist Schuberts Musik, in dieser Form aus dem Ghettoblaster dröhnend, ein ironischer Kommentar auf die Liebeswut der Protagonisten.

Man kann Glogers Inszenierung zu slapstick-reich finden, und man wünscht dem Neuankömmling André Willmund als nächstes eine Rolle, in der ein ruhigeres, authentischeres Spiel beweisen kann, aber wo, wenn nicht in Schillers Jugendstück, das der Stürmer und Dränger 23-jährig niederschreibt, sollten sich junge Schauspieler sonst austoben? Und wo wäre es nicht auch verdammt angebracht, das zu tun, referiert ihr Spiel doch auf allen jugendlichen Liebesirrsinn, der nun mal in Windeseile, sich von einem zum nächsten Moment ändernd, den Liebenden die ganze Welt bedeutet?

Und so triumphieren Luise und Ferdinand am Ende auch: über den Verstand, über die Gesetze der Wirklichkeit, und blicken strahlend dem Tod entgegen.

Staatstheater Mainz: 24., 29. September. www.staatsstheater-mainz.com

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