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Auch sie hockt auf den Trümmern ihres alten Lebens: Maria Markina als Margaretha.

"Genoveva" in Mannheim

Die Schmerzensfrau und der Psychopath

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Das Nationaltheater Mannheim versucht sich an Robert Schumanns Oper "Genoveva" und erzielt Teilerfolge.

Robert Schumanns einzige vollendete Oper, „Genoveva“, gehört zu den berühmteren Misserfolgen der Musikgeschichte. Dieser ist umso anregender, als die Geschichte effektheischend genug erscheint – und bei näherer Betrachtung auch nicht abwegiger als der wenige Wochen später, ebenfalls im Sommer 1850, uraufgeführte „Lohengrin“ des Kollegen Richard Wagner. Zweifel gab es außerdem nie an der Musik, die Kritiker verbissen sich stattdessen in das aus mehreren Genoveva-Quellen gespeiste Libretto, welches wohl praktisch aus Überambition verunglückte.

Es wirkt nämlich so, als wäre beim Wechsel von einer älteren Vorlage (Ludwig Tieck) zu einer moderneren (Friedrich Hebbel) neben anderem der psychologische Ausbau des Schurken Golo sowie der Heiligen Genoveva auf der Strecke geblieben. Vor allem Golo, noch dazu ein Tenor, lehrt nicht das Grausen, sondern wirkt verstört und etwas jammerlappig, während er den totalen Verrat an der Herrin doch durchzieht. Herrlich auch die Geistererscheinung, die seiner windigen Kumpanin im Bösen, Margaretha, geschwind zur Reue führt. Golo ist normalerweise zum Finale gar nicht mehr anwesend, was die Unschärfen der Dramaturgie belegen mag. Statt Showdown und Schauergeschichte genießerisch zu Ende zu bringen, lässt Schumann – hier weitgehend allein auf dem weiten Feld der Genoveva-Literatur – ein bürgerliches Happyend vom Himmel purzeln.

Überprüfungen, ob „Genoveva“ auf der Bühne nicht doch bestehen könnte, gibt es immer wieder und mit unterschiedlichem Erfolg, diesmal am Nationaltheater Mannheim. Musikalisch ist das Chefsache, Generalmusikdirektor Alexander Soddy lässt hören, dass Schumanns Musik immer auch textunabhängigen Sinn und Verstand hat, und dazu sinfonische Qualitäten. Neben einem exzellenten Chor – der grauselig plausible Mob-Passagen absolvieren darf und dabei Gewalt und Schönheit in schockierende Nähe zueinander bringt – gibt es ein treffliches Quartett der Hauptfiguren (Rollendebütanten waren überhaupt alle an diesem Abend): Astrid Kessler ist eine körperlich und stimmlich eindrucksvoll biegsame Heldin, mit vielfältigem, auch zwitscherndem Sopran und geeignet, zur Schmerzensfrau stilisiert und schier gekreuzigt zu werden. Dabei bleibt sie ganz Mensch, der darüber staunt, wie ihm da geschieht. Der abgewiesene Verführer und elendigliche Verleumder Golo muss aus erwähnten Gründen etwas blass bleiben, Andreas Hermanns Tenor allerdings zeigt Farbe und Kraft. Evez Abdulla mit sonorem, nicht übermäßig gefordertem Bariton ist der in seiner wackeren Mannhaftigkeit schwer im Dunkeln tappende Siegfried, Maria Markina eine trotzig verhuschte Margaretha. Darstellerisch traut man ihnen eher noch mehr zu, als ihnen in Mannheim abverlangt wird. Nur Kessler muss aufs Ganze gehen. Genovevas Leiden sind umfangreich.

Die Bilder von Regisseurin Yona Kim und Ausstatter Herbert Murauer bieten zunächst eine Art vorsichtige Annäherung. Steht zur Ouvertüre ein Flügel im hellen, spärlich ausgestatteten Salon, wird ein Hirsch-Gemälde von der Decke gelassen (eine Hirschkuh war der nur so eben der Hinrichtung entgangenen G. und ihrem neugeborenen Kind in der Waldeinsamkeit behilflich). Der Chor betrachtet das Bild wie eine kühl interessierte Schar Ausstellungsbesucher, bevor es wie von ungefähr in die Handlung hineingeht. Es ist sicher vernünftig, diesen Abstand zu halten, es ist allerdings auch ein wenig herkömmlicher und braver, als es dem merkwürdigen Werk guttut.

Zumal Kim auch im Folgenden den großen Bühnenzauber meidet. Selbst die offizielle Zauberspiegel-Szene, in der Genovevas sichtlich überforderter Ehemann aus der Ferne von ihrer Untreue überzeugt werden soll – das klappt vorzüglich –, vollzieht sich karg und dient mehr dem Versuch, interpretatorischen Mehrwert zu liefern: Irgendwie stimmen die vom Spiegel produzierten Szenen und das, was Siegfried sieht, nicht ganz überein.

Auch die Ideen, dass Siegfried seinerseits ein flüchtiges Verhältnis mit Margaretha haben könnte und Golo im fortschreitenden Handlungsverlauf wahnsinnig wird, sind zwar kluge Dramaturgeneinfälle (denn woher kommt Margarethas Hass und wer ist der Vater des Kindes, das sie einst umgebracht zu haben scheint, und was soll aus Golo werden, und immerhin ließ sich Schumann selbst vier Jahre später in eine entsprechende Anstalt einweisen). Aber lieber würde man erst einmal gefühlsmäßig mitkommen bei dem, was an Kleistisch kruden Ereignissen bereits da ist – hier eine Menge schamlosen Volks, das in Genovevas Schlafzimmer dringt, dort der Gatte, der eins und eins nicht zusammenzählen kann, schließlich eine in letzter Sekunde beendete Folterszene als Vorspiel zu einem kaum noch als Hinrichtung getarnten Mord. Stattdessen staunt man über die Doppelbesetzungen der Hauptfiguren mit Statisten, was fast immer geht und fast nie (mehr) zu etwas führt.

Auch Yona Kim, so ist es Brauch, hält Schumanns Verlangen nach einem guten Ausgang nicht aus und unterläuft es: Ihre Genoveva wird nicht mehr auf die Beine kommen, auch ist sie viel zu sehr auf den Tod eingestellt, nur will ihr auch dies nicht gelingen. Etlichen Frauenfiguren in der Bühnenliteratur (Wagners Freya, Shakespeares Hero) wird ein Glück nach dem Unglück abverlangt, das kaum zu leisten ist. Kesslers letzter langer Blick ins Publikum darf einem nachgehen. Und, ja, glücklich zu sein ist durchaus eine Leistung.

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