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Sein Himmel hängt endlich voller Geigen. Und voller Celli, Tuben, Harfen, Hörner. Und Pauken. Fritz aber stirbt. Ian Koziara und Jennifer Holloway im Schlussbild.

Oper Frankfurt

Schleierhafte Welt

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Franz Schrekers „Der ferne Klang“ kehrt in sehr guter Verfassung an den Ort seiner triumphalen Uraufführung zurück, die Oper Frankfurt.

Mit einer Oper berühmt zu werden, in der einem Musiker, der auszieht, um berühmt zu werden, seine Oper missglückt: Das ist eine ungewöhnliche Geschichte, und sie trug sich vor 107 Jahren an der Frankfurter Oper zu, wo Franz Schrekers „Der ferne Klang“ seine spektakulär erfolgreiche Uraufführung feierte. Den 34 Jahre alten Komponisten und Librettisten katapultierte das in die allererste Reihe des aus heutiger Sicht unvorstellbar lebhaften zeitgenössischen Musiktheatergeschehens. Schon kurz nach der Jahrhundertwende hatte der Komponist mit der Arbeit begonnen, das Werk wieder weggelegt und erneut aufgenommen – nicht zuletzt durch Richard Strauss’ alles Neue ermutigende „Salome“-Sensation. Das Libretto für den dritten Akt hat Schreker auf Anraten neu geschrieben, just den Akt, den Komponist Fritz „verfehlt“, der ihm „alles zerstört“.

Als junger Mann hat Fritz seine Heimat und seine große Liebe verlassen, um den windigen Titelhelden zu suchen, den „fernen Klang“, der ihn als scheues, aber beharrliches Arpeggio umweht, sobald Grete nur in seiner Nähe ist. Alleine Fritz begreift den Zusammenhang nicht, ein für beide verheerender Lebensfehler. Grete Graumann, die eigentliche Hauptfigur, gerät aus trübsinnigen Verhältnissen ins Unglück. Vergeblich sucht sie nach Fritz und findet sich stattdessen im zweiten Akt in einem Edelbordell wieder. Nachdem der erschütternd spießige Fritz sie bei einer Zufallsbegegnung als „Dirne“ zurückgestoßen hat, geht es für sie weiter bergab.

Nach der verkorksten Aufführung von Fritz’ glückloser Oper „Die Harfe“ treffen sich beide wieder, der schwerkranke Fritz begreift jetzt, wie er den dritten Akt schreiben könnte, stirbt jedoch nach einer zauberischen Orchestermusik in Gretes Armen.

Es ist zu spät, andererseits ist die Musik, wenngleich eine sehnsuchtsvolle, ja die ganze Zeit über da. Ähnlich wie eine tuberkulosekranke junge Frau, die singt wie eine Göttin, ist ein kummervoll scheiternder Komponist in einem Werk, das musikalisch seinem Gegenstand so perfekt angemessen erscheint, eine Sonderbarkeit, wie nur die Oper sie hervorbringen und vermitteln kann.

„Der ferne Klang“, dessen autobiografischer Gehalt sich auch in der engen Kleinbürgerwelt des ersten Aktes spiegelt, erzählt eine kleine Geschichte zweier nicht einmal besonders originell scheiternder Lebensläufe in musikalischem Cinemascope. Das ist nicht unangemessen, wenn man eine Vorstellung von inneren Stürmen hat. Es ist erst recht nicht unangemessen, indem Generalmusikdirektor Sebastian Weigle in Frankfurt jetzt eine derart fein gesponnene, brillant transparente, unschroffe (sehr punktuell schroffe) Musik vorstellt, dass die von Fritzens Publikum vermisste Stimmigkeit in reinster Form erklingt. Das Süße und die Dringlichkeit bekommen in Frankfurt Raum, aber nicht, um ihn zuzukleben, sondern damit Schrekers Musik Luft zum Atmen hat – eine eigene Musik aus dem Kosmos Strauss’ und Wagners, und das Ende des „Fernen Klangs“ ist puccinesk.

Mit immenser Sorgfalt entfalten Weigle und das Orchester mit strahlenden Solisten auch die raffinierten Gleichzeitigkeiten der verwickelten Ensembleszenen. Schreker glüht dabei vor Ehrgeiz, die Frankfurter aber zeigen Nerven wie Stahl und lassen hundert Details hören und dazu Dutzende Stimmen, mit immer eigenen Farben: ein kleines Fest der menschlichen Stimme. Gordon Bintner als schmachtender Graf im zweiten Akt verwickelt uns in die nicht einleuchtende, aber stimmungsvolle Ballade von der liebeabweisenden Königskrone. Die große Nadine Secunde (deren Karriere einst in Wiesbaden begann) ist als „altes Weib“ eine elegante Dame. Angebote zur Karikatur werden heute Abend grundsätzlich abgelehnt, wie schon die unverblümte Grete-Verschacher-Szene demonstriert (unter anderem mit Anthony Robin Schneider als stimmlich nicht unsympathischem Wirt und Dietrich Volle als markantem Dr. Vergilius)

Man hört also in jeder Minute dabei zu, wie Schreker gelingt, was Fritz nicht vermag. Dass er aber genau das versucht, zeigt sich hier ohne Vertun, wenn Fritzens Oper in der Gaststättenszene des dritten Aktes nicht nur anklingt (via Fernorchester, Schreker scheut keinen Aufwand), sondern auch zu sehen ist: Es sind die Eingangsszenen des „Fernen Klangs“. Eine besonders gelungene Szene in der Inszenierung des Italieners Damiano Michieletto, der bei seinem Frankfurt-Debüt eine zarte Hand beweist (und Intendant Bernd Loebe eine glückliche – er lässt Tobias Kratzer Verdi machen und Michieletto Schreker, das geht ausgezeichnet auf).

Auch wenn sich in Paolo Fantins Bühnenbild je nach Geschmack etwas oder bei weitem zu viele weiße luftige Vorhänge zu häufig öffnen und wieder schließen, so ist der Effekt einer schleierhaften Welt doch bestechend, in der sich Bilder auftun, wieder entziehen, vage bleiben. Die Vorhänge über dem sich sonst mit wenig Podesten begnügenden Bühne dienen auch als Leinwände für die Videos (von Roland Horvath und Carmen Zimmermann), die wiederum visualisierten Klang zeigen mögen oder auch das Wasser des Sees, in dem die verzweifelte Grete sich dann aber nicht töten wird. Fritz’ Sehnsucht zeigt sich in Form einer gelegentlich von der Decke herabschwebenden Harfe. Als alles zwar zu spät ist, aber auch gut, schweben Instrumente für ein ganzes Orchester von oben ein.

Zentral ist in Frankfurt auch eine größere Gruppe von alten Damen und Herren, die still die Bühne beleben. Zwei sind leicht als Gretel und Fritz zu erkennen. Auch wenn man nicht jedes Bild im Einzelnen entziffern kann, auch wenn man – wie bei den hin- und herlaufenden Gardinen – den einen oder anderen Auftritt wegen Untriftigkeit hätte weglassen können, so ist die Sichtbarmachung der Tatsache, dass Fritz sein und Gretes Leben komplett verschwendet, unglaublich traurig. Zugleich begreift man, dass die Figuren es fast hinter sich haben. Zusammen mit Weigles unruppiger Schreker-Musik ergibt sich eine Tröstlichkeit und Abgeklärtheit, die man an dieser Stelle nicht erwartet.

Das sind alles keine zu komplizierten Überlegungen, aber die Bilder schmiegen sich an die Musik, die dem Publikum heute weitgehend wie neu erscheinen muss (obwohl es Aufführungen gab und gibt, etwa 2015 in Mannheim, in einer völlig anders angelegten Inszenierung Tatjana Gürbacas). Die Bilder schmiegen sich also an die Musik, ohne sie zu bedrängen. Das machen schon die Menschen unter sich. Michieletto pflegt eine diskrete, aber präzise Personenführung, zu der es gehört, dass Grete in jedem Akt abscheulich von Männern bedrängt wird.

Die Amerikanerin Jennifer Holloway ist eine eindrucksvolle Hauptfigur, ver- und entschlossen im ersten Akt, königlich als Königin der „Casa di maschera“ im zweiten – einem recht dezent festlichen und zuweilen golden ausgeleuchteten, dazu kommen die etwas beiläufig präsentierten Abendgarderoben von Klaus Bruns und der spielfreudige, vorzüglich kompakte Chor (Tilman Michael). Auch stimmlich ist Grete die Königin des Abends. Reif, groß und doch jugendlich Holloways Sopran, die Partie hoch und anstrengend, aber ohne Spitzigkeiten geboten. Jugendlich auch ihr Fritz, Holloways Landsmann Ian Koziara, mit ausgesuchter großer schwarzer Regisseursbrille. Er ist ideal hell timbriert für die Partie. Etwas mehr Größe als in der Premiere darf er ihr gönnen, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er dazu nicht in der Lage wäre.

In der Pause werden beide für den dritten Akt einige Jahrzehnte älter gemacht. Fritz’ Freund Rudolf ist jetzt anscheinend ein Arzt im Seniorenstift. Eine der ganz seltenen suboptimalen Entscheidungen der Regie. Sie macht aber darauf aufmerksam, wie feinsinnig Schreker hier zum Beispiel den Ton der Freundschaft trifft. Und wie psychologisch genau überhaupt die Handlung im Einzelnen ist, deren Individualität man durch ihren zeittypisch freudianischen Anteil leicht unterschätzen kann.

Schrekers Verschwinden von den Spielplänen, ein durchschlagender Erfolg der Diffamierung des 1934 gestorbenen jüdischen Künstlers in der NS-Zeit, ist eine Schande, gegen die auch der einstige Frankfurter GMD Michael Gielen vorging. Ihm widmet die Oper Frankfurt wenige Wochen nach seinem Tod die jetzige Aufführung. Es war über die Maßen befriedigend, dass das Frankfurter Premierenpublikum sich erneut begeistert zeigte, vom Werk, von der musikalischen Leistung, und auch von der Regie.

Oper Frankfurt: 6., 13., 19., 26. 28. April, 4., 11. Mai. www.oper-frankfurt.de

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