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Tom Gerber, Richard, auf seinem Thron.

Staatstheater Wiesbaden

Der schlechteste Politiker der Welt

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„Richard III.“ mit einem mephistophelischen Schlingel am Staatstheater Wiesbaden.

Richard III., mit dem die unverblümt betrachtet entsetzlichen Rosenkriege offiziell endeten, wurde in besonderem Maße Opfer der Tudor-Propaganda. Als direkter Vorgänger Heinrichs VII., des Vaters von Heinrich VIII. und Großvaters von Elisabeth I., stand er noch einmal exemplarisch – skrupellos, überfordert, noch dazu körperlich eingeschränkt – für jene fatale Instabilität, gegen die das neue, um seine Legitimität ringende Königshaus jetzt das Bollwerk Elisabeth auffuhr. William Shakespeares Stück zieht daraus seine besondere Schwärze. Als es 1597 herauskam, war die 64 Jahre alte Monarchin seit bald 40 Jahren auf den Thron. Brave Engländer sahen Grund, jeden Tag für ihr Wohlergehen zu beten, aber es schadete nicht, sie daran zu erinnern.

Da nun jede Zeit ihre Schreckensherrscher hat, schaut auch unsere mit Grauen und Lust dem Auftrumpfen und dem Untergang Richards zu. Gegenwärtig reizt zu Vergleichen vermutlich weniger seine nackte Mordlust als seine fundamentale politische Unfähigkeit. Politik ist ja interessanterweise nicht das gleiche wie Machtinstinkt. Letzterer hilft beim Aufstieg. Danach wird es – komplexer.

Als Rolle ist der Alptraum Richard natürlich ein Traum. Tom Gerber wirft sich am Staatstheater Wiesbaden genüsslich hinein, ist weniger ein tapsiger Teufel als ein mephistophelischer Schlingel, ein Unterteufelchen, das nach oben will. Etwas Possierliches ist um ihn, wenn er hüpfend versucht, am Hofe mitzutanzen. Jedoch ist er schon auch der Typ, dem es nicht genügt, sich den Kopf des Feindes in einem Säckchen anreichen zu lassen. Nein, er muss ihn auch zermatschen, den Kopf im Sack, wie gereizte Büroangestellte ein Antistress-Bällchen. Was glaubt er, was seine Umgebung da über ihn denkt?

Regisseur Ingo Kerkhof bemüht sich um einen puristischen Abend. Bühnenbildner Dirk Becker hat die Bretter, die die Welt bedeuten, im Kleinen Haus auslegen lassen. Unter herausnehmbaren Dielen ist Platz für die Toten (also Ermordeten), wobei man nicht zu sehr daran denken darf, wie formvollendet sie in Jan Bosses Frankfurter „Richard III.“ weggestopft wurden. Schwarze Möbel lassen den teils historischen, teils heutigen Kostümen von Inge Medert Entfaltungsraum: Die Herren tragen Schwarz, die Damen auch Blutrot. Die Zieharmonikakragen fordern eine in dieser Lage schier unmögliche Contenance.

Es gibt viel selbstgemachte Musik, ganz schön, aber – wenn schon ein guter Schlagzeuger zur Hand ist – auch ein bisschen Zeit vertändelnd. Ähnlich wie beim ansonsten anders gearteten Spielzeitauftakt im Großen Haus – „Der Floh im Ohr“ – wirken die Schauspieler sich selbst und ihren Begabungen überlassen. Auch hier machen sie was draus, von den sphinxhaften Hofleuten - darunter Paul Simon als Catesby und Hanno Friedrich als Buckingham – bis zur geschundenen Verwandtschaft. Unmündige Sprösslinge (Tobias Lutze, Lina Habicht) wie Frauen (Karoline Reinke, Sólveig Arnarsdóttir, Monika Kroll, Habicht) sind Richards Verfügungsmasse, in Wiesbaden aber durchaus individuell. Ein Kabinettstück pechschwarzen Humors: Kroll und Arnarsdóttir als Auftragsmörder, wie soeben aus „Warten auf Godot“ herübergestolpert.

Obwohl sich Kerhof in gut drei Stunden Spieldauer Zeit nimmt, auch ins Vorgängerstück „Heinrich VI.“ zu schauen, rutscht das Ende etwas weg. Merkwürdig: Wenn man sich schon für den politisch-dynastischen Hintergrund interessiert, wenn man schon – anspruchsvoller und berechtigter Weise – nicht alles auf Satansbraten Richard zuspitzt, sollte man sich am Ende doch für seinen Nachfolger interessieren. Wird es mit ihm wirklich besser werden?

Staatstheater Wiesbaden: 21., 23.

September, 3., 4., 9., 10., 17. Oktober.

www.staatstheater-wiesbaden.de

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