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Der Regisseur wartet in seinem Bühnenbild: R. B. Schlather im Bockenheimer Depot.

Oper Frankfurt

R. B. Schlathers „Tamerlano“ in Frankfurt: Theater der Antilangeweile

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Opernregisseur R. B. Schlather präsentiert in Frankfurt sein Europa-Debüt „Tamerlano“.

Innen im Bockenheimer Depot, ohnehin nicht der fadesten Spielstätte der Stadt, wird es heute Abend noch einmal besonders anders aussehen als sonst. Und sich vielleicht auch anders anfühlen. Es ist R. B. Schlather recht, dass wir hier Folgendes verraten: Das von der Straße hereinkommende Publikum wird sich zunächst voraussichtlich ziemlich wundern. Dann wird es – hofft Schlather – begreifen, dass es in eine Art Bunker geraten ist.

Nicht im militärischen Sinne, muss man dazu sagen, während man versucht sich räumlich zu orientieren, eher im psychologischen. Ein Labor, sagt Schlather auch, aber womöglich auch ein Fernsehstudio. Einer hat sich hier eingenistet, hat das Gebäude okkupiert, hat hier etwas hineinbauen lassen, das einerseits provisorisch, andererseits unentrinnbar wirkt, und treibt im Gehäuse sein Unwesen und sein Spiel mit seiner Umgebung.

Tamerlano - der fiese Tyrann

Tamerlano ist sein Name, ein selbst im Tyrannenvergleich ungewöhnlich fieser Tyrann. Es ist nicht Schlathers Idee, aber er greift sie gerne auf, dass Tamerlano nicht Kontinente und Meere erobern will, kein Ziel und keine Vision hat, außer Mitmenschen zu quälen. Viel ist das nicht, aber unangenehm, nein, fürchterlich für seine Umgebung. Aber es wird sehr schön gesungen dazu.

Überhaupt, sagt Schlather, solle sich das Publikum natürlich die Frage stellen, welche Rolle es selbst an diesem seltsamen Ort spiele. Ob es mitgefangen sei, oder ob es den Leiden anderer zuschaue. Das sind Situationen, die einem Opernpublikum gewissermaßen vertraut sind. Man sitzt fest, aber man hat es im Dunklen normalerweise auch ganz gut, während auf der Bühne die Leute kujoniert werden.

Das sei eben eine Sonderbarkeit der Gattung, bestätigt Schlather: „Sie gehen hin und schauen sich all die furchtbaren Situationen an, in die Menschen hier geraten“, sagt er, so oft gehe es um Gewalt, Folter, schrecklichstes Leiden. „Eine Katharsis“, sagt Schlather. Dazu in diesem Fall Georg Friedrich Händels Musik, so süß, so meisterhaft, so lebenszugewandt.

Oper Frankfurt - Entrümpelung der Bühne

Jedoch gibt es vorerst keinen Grund zur Sorge. Wem es gelungen ist, eine der Karten für die ausverkaufte Serie zu erwerben (acht Vorstellungen, am Mittwoch waren im Internet immerhin wieder insgesamt drei verfügbare Karten angezeigt), erlebt nicht das Europa-Debüt eines Berserkers. Was R. B. Schlathers Ruf begründet hat, ist vielmehr ein feinsinniges Inszenieren in ungewöhnlichen Umgebungen – letzteres, meint er, sei wohl der Grund dafür gewesen, dass der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe ihn geholt habe – und sparsamster Ausstattung. In den USA hat er nicht nur, aber auch mit Händel-Opern Aufsehen erregt, etwa einer „Alcina“ im nicht großen Whitebox Art Center in New York vor fünf Jahren – Schlather liebt weiße Wände, die ruhig einfach weiß bleiben dürfen. Oder einer „Aridante“ vor drei Jahren, in der Orchester und Bühnenensemble, Probe und Aufführung sich so aufregend miteinander verbanden, dass Kritiker ganz atemlos klangen. Offene Probenprozesse interessieren ihn auch sonst. Dass er selbst ein glänzender Performer sein muss – eine stilbewusste Figur ist er ohnehin – wird rasch klar.

Schlather verfolgt seine eigene Entrümpelung der Bühne. „Ich mag es, möglichst viel wegzulassen und mich sehr auf die Figuren und ihre Beziehung zu konzentrieren“, sagt er, und weil die Probe noch läuft, als wir hineinschlüpfen können, hat man schon eine Ahnung davon bekommen, was er damit meint. Wie nämlich Elizabeth Reiter ausprobiert, Brennan Hall (einen Counter, auch er mit seinem Europa-Debüt, von dem nach drei Minuten Bestes zu erwarten ist) von sich zu stoßen und zugleich zu umarmen. Sie ist Asteria, die Schlimmem entgegensieht (Schlather: Und es kommt noch schlimmer), er ist ihr Geliebter Andronico, den sie aber schützen will. Keiner kann ihr helfen. Wehe denen, die von Tyrannen begehrt werden.

„Tamerlano“ eine ideale Oper für Schlather

Das hört sich an, wie es sich in jeder anständigen Barockoper anhört – an einem, sagen wir einmal, ungewöhnlichen, aber durchaus adäquaten Ort sind das Orchester und der Dirigent Karsten Januschke platziert –, aber Reiter und Hall bewegen sich wie junge, total verzweifelte Menschen. Alles Formelhafte verschwindet in realistischen Bewegungsabläufen. Viele versuchen das, wenigen gelingt es. Im Verein mit Liviu Holender – als Leone, dem Vertrauten Tamerlanos und einzigen Bass weit und breit – testet Schlather in Ruhe, wie man normalerweise eine Sektflasche öffnen würde. Der Regisseur kann hervorragend vorspielen, wie er es gerne hätte, die Beiläufigkeit, das Alltägliche. Würde Holender es so machen?

Und ist das so wichtig? „Ich interessiere mich für die wirklichen Dinge“, sagt Schlather, „echte Gefühle, echte Leute.“ Auch darum will er Überflüssiges von der Bühne wegbekommen. Auch darum ist „Tamerlano“ eine ideale Oper für ihn. Es sei schon richtig, dass Barockopern immer wieder ähnliche Konstellationen zeigen – hier der Tyrann, dort die gefangene Schöne, deren glückloser Vater und deren Geliebter, der mit dem Tyrannen bislang im Bunde stand. Schließlich noch die nun verschmähte Verlobte des Tyrannen, denn eine Verwicklung mehr darf es immer sein. Dabei, betont Schlather, sei „Tamerlano“ ein besonders dichtes, intensives Beziehungsgeflecht. Die Oper brauche weder einen Zauber noch epische Schlachtenszenen, bloß sechs Menschen, verstrickt in Tamerlanos böse Spiele. Spiele, bei denen sie ständig aufpassen müssten, weil sich die Regeln schnell ändern könnten. Er selbst fühle sich dabei an die US-Show „Survivor“ erinnert, sagt Schlather.

Langeweile kann ein starker Antrieb sein

Die übersichtliche Zahl des Personals erleichtere ihm im übrigen die Debütsituation sehr. Als Amerikaner ist ihm der deutsche Repertoirebetrieb, in dem nicht immer alle gleichermaßen zur Verfügung stehen können, immerhin von Haus aus unvertraut. „Glauben Sie mir, wenn ich hier die ,Meistersinger‘ machen müsste, wäre ich schon nervös“, sagt Schlather ungemein unnervös, zumal ihm die Probenbedingungen in Frankfurt sehr gefallen. Sechs Wochen statt der zu Hause üblichen drei bis vier: Da könne man so ins Detail gehen, wie er sich das wünsche, könne sich aneinander gewöhnen, sich kennenlernen. Natürlich bereite er die Bühne, die Kostüme vor, aber das Menschliche müsse sich dann während der Proben entwickeln, mit den Akteuren und durch sie. „Ich brauche ihre Energie“, sagt Schlather, und er wirkt nicht nur sehr unnervös, sondern auch sehr unprätentiös.

Schlather, Jahrgang 1986, ist in Cooperstown, New York, geboren und aufgewachsen. Schicksalshaft für einen künftigen Opernregisseur, denn vor den Toren dieses unfassbar kleinen Ortes gibt es seit den siebziger Jahren ein renommiertes Sommeropernfestival namens Glimmerglass. Seine Eltern nahmen ihn früh mit, als Fünfjähriger, erzählt er, habe er „Die Zauberflöte“ gehört, dann Gilbert & Sullivans „Micado“ und dann Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“, was ein enormes Erlebnis gewesen sei, so völlig anders.

Auch „Tamerlano“ habe er durch Glimmerglass schon als Sechs- oder Siebenjähriger kennengelernt. Er habe sich zu Tode gelangweilt. Langeweile kann ein starker Antrieb sein, wenn einem klar wird, dass nicht der Gegenstand selbst langweilig war, im Gegenteil betreibt Schlather offenbar ein Theater der Antilangeweile.

Dem Foto links oben werden Sie nicht ansehen können, wie freundlich, wie strahlend freundlich er als guter Amerikaner ist. Er wolle, erklärt er beim Fotografieren, am liebsten aussehen, als sei er eben in einem Warteraum. Und genau so sieht er aus.

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