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Mach mir den Tiger: Szene aus Sharon Eyals „Bedroom Folk“.
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Mach mir den Tiger: Szene aus Sharon Eyals „Bedroom Folk“.

Bayerisches Staatsballett

Schlafzimmer-Volk, aufgeweckt

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Paradigma“, ein frischer dreiteiliger Abend des Bayerischen Staatsballetts – vorerst nur im Stream.

Während das Staatsballett Berlin (von Johannes Öhman und Sasha Waltz schmählich im Stich gelassen) mit einer lieblosen Mini-„Neujahrsgala“ enttäuschte, möchte das Bayerische Staatsballett zwar Geld für den Videostream eines frischen Abends mit dem Titel „Paradigma“, aber rundum stimmt hier die Qualität. Dramaturg Serge Honegger gibt jeweils eine kurze, informative Einleitung, nennt die Beteiligten, verweist bei Sharon Eyals „Bedroom Folk“ zum Beispiel auf die „sehr komplexen“ Zählzeiten. Vorbildlich.

Und die drei, insgesamt anderthalb Stunden dauernden Choreografien von Russell Maliphant, Sharon Eyal (mit Gai Behar) und Liam Scarlett sind so nuanciert, detailreich, großartig getanzt, dass man sie sich durchaus gleich nochmal ansehen kann. Dass es keinen „Wiederholen“-Knopf gibt, hat die Rezensentin schon bei manchem Tanzabend bedauert, hier gibt es ihn.

Maliphants „Broken Fall“, ein Trio, bei dem der Titel Programm ist, entstand 2003 für die außergewöhnliche Sylvie Guillem. Nun gibt Jeanette Kakareka die kletterfreudige Amazone – und wehe ihre beiden Partner Jonah Cook und Jinhao Zhang würden ihren Fall, ihr vertrauensvolles Sich-kippen-Lassen sogar von Schulterhöhe nicht bremsen können.

Atemberaubend und intrikat verschraubt sind die Hebefiguren, die Maliphant sich ausgedacht hat. Nicht umsonst tragen die drei Akteure Knieschützer, Kakareka dazu ein kesses silbernes Leibchen und Mini-Hosenröckchen. Sie erscheint selbst kopfunter noch kühl bis in die Fingerspitzen, weiß aber auch bedeutungsvolle Schritte zu setzen und Seitenblicke zu werfen. Wandelbar dazu die Musik von Barry Adamson, vom anfänglichen Raunen über den üppigen Wohlklang bis zu Geisterstimmen und Jazzigem.

Überall reißt man sich um Sharon Eyal. Dem Bayerischen Staatsballett hat die Israelin nun ihr 2015 fürs Nederlands Dans Theater choreografiertes „Bed-room Folk“ zur Verfügung gestellt, getanzt zu einem hypnotischen Puls des DJs Ori Lichtik, mit dem sie regelmäßig zusammenarbeitet.

In nervöser Spannung

Vier Tänzerinnen und vier Tänzer müssen sich auf die typische, haarige Eyal-Mischung verstehen, minutenlanges punktgenaues Wippen und Trippeln zum Beispiel, während sie sich lasziv biegen oder Raubtier-Krallen zeigen. Spitzig- und Geschmeidigkeit stehen nebeneinander. Roboterkanten und Menschenrundungen. Nicht nur Erotik treibt dieses Schlafzimmer-Volk um, manchmal erscheint es erschreckt, fast durchweg in nervöser Spannung. Ein Tänzer weint, während er eine Kollegin auf den Armen trägt. Eine Tänzerin fällt mit kleinen hektischen (Luft-)Bissen über einen Kollegen her. Alle 16 Beine pendeln wie ein Metronom, während das Licht erlischt, aber eine Tänzerin legt den Kopf wie im Schmerz an die Brust ihres Hintermanns. „Bedroom Folk“ zieht die Betrachterin mit, aber trotz aller Sexiness der Choreografie zuletzt in eine Dunkelheit.

Beziehungs-Turbulenzen deutet auch Liam Scarlett in „With a Chance Of Rain“ an, dies aber überwiegend in Pastell und mit einem Augenzwinkern. Scarlett, bereits vor zehn Jahren, mit 24, als Nachwuchshoffnung des klassischen Balletts gehandelt, war bis März 2020 Hauschoreograf des Royal Ballet, als MeToo-Vorwürfe zu seiner Entlassung führten (eine unabhängige Untersuchung ergab später „keine verfolgungsrelevanten Tatbestände“). Sein Oktett mit unbestimmter „Niederschlagswahrscheinlichkeit“ besticht durch Eleganz und Leichtigkeit und entstand 2014 für das American Ballet Theater; die Münchner zeigen es als Europapremiere.

Zu Klavier-Präludien von Rachmaninow spinnt Scarlett dezente, verspielte Linien zwischen den Tänzerinnen und Tänzern, scheint mal eine Ménage à trois anzudeuten, mal eine Untreue, platziert in der insgesamt klassischen Bewegungssprache neckische Tupfer wie ein Powackeln oder ein Bussi auf die Wange. Da erfindet einer das Ballett zwar nicht neu, kann aber fein damit umgehen.

„Paradigma“: bis Anfang Februar abrufbar via staatsoper.tv

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