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Gerne spaziert die Frankfurter Theaterfreundin herein: Das Schauspiel Frankfurt, an dem im September die vorletzte Spielzeit von Intendant Oliver Reese beginnt.

Schauspiel Frankfurt

Scherz und Schmerz mit Oliver Reese

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Oliver Reese stellt seinen vorletzten Spielplan für das Schauspiel Frankfurt vor. Einerseits ist eigentlich alles wie immer. Andererseits ist es schon auch verflixt gut so, wie es ist.

Und wie war’s bei der vorletzten Spielplanpressekonferenz von Oliver Reese am Schauspiel Frankfurt? Eigentlich wie immer. Vielleicht ein bisschen straffer, weil der Intendant in den Proben zur „Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist („Pommerat, ein Name, den man sich merken muss“, „Theater für Erwachsene“). Vielleicht ein bisschen frecher, weil sich Oliver Reese, ohne zu viel hineininterpretieren zu wollen, wohlfühlen dürfte mit Blick auf die Gegenwart und die Zukunft.

Am Schauspiel Frankfurt könnte es für ihn nicht günstiger laufen. Am Berliner Ensemble könnte es womöglich durchaus etwas günstiger laufen, nicht übel für einen kommenden Mann (Reeses designierter Nachfolger in Frankfurt, Anselm Weber, könnte es in dieser Hinsicht schwerer haben).

Am Schauspiel Frankfurt sind die Zahlen also schon wieder noch besser. Die Einnahmen sind laut Theater so hoch wie noch nie seit Einführung der Einnahmeaufzeichnungen, die Auslastung in der laufenden Spielzeit bei mehr als 90 Prozent, dies bei etwas weniger Veranstaltungen als in der vorigen Saison, allerdings mehr Besuchern (124 981 von Anfang September bis Ende März) und bei erneut gesteigerten Abonnentenzahlen (man arbeitet auf den oder die 7000. zu). Jede dritte Karte gehe an Schüler und Studenten.

Theater, sagt Reese, müsse man gelegentlich auch aushalten, und dass die Frankfurter mittlerweile selbst bei sperrigen Inszenierungen dazu bereit seien (man könnte ergänzen: selbst bei murksigen, und: einigermaßen bereit), nimmt er zu Recht als Vertrauensbeweis. Sich ärgern und trotzdem hingehen, mehr kann man für ein Theater nicht tun.

Kein „Endspiel“, kein Abschiedsbuch

Zeit bleibt für einen ersten Abschiedsscherz: Weder werde es übernächste Spielzeit „Endspiel“ geben noch ein Buch über acht Jahre Intendanz Reese, so Reese.

Abschiedsschmerz gibt es hingegen noch gar keinen, höchstens überfällt er die einsame Zuhörerin, wenn auf den Tisch kommt, dass kommende Spielzeit Michael Thalheimer Kleists „Penthesilea“ inszenieren wird (mit Constanze Becker); und Andreas Kriegenburg Shakespeares „Sturm“ (an dieser Stelle fiel der „Endspiel“-Scherz, weil sich Shakespeare gut macht in allerletzten Spielzeiten); und es ein neues Stück von Felicia Zeller („X-Freunde“) gibt, „Eine überflüssige Frau (Iwanow reloaded)“ heißt es. Daran hat man sich gewöhnt in Frankfurt, das will man auch weiterhin haben.

Auch der wahnsinnige Jürgen Kruse wird wieder dabei sein, mit Georg Büchners „Leonce und Lena“, auch der brachiale Sebastian Hartmann, mit Gogols „Revisor“, auch Stephan Kimmig, mit Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (mit Corinna Kirchhoff und Wolfgang Michael).

Wem das schon fast zu bekannt vorkommt: Anderes soll anders werden. Auf dem Spielzeitheft, mit sagenhaften, wilde Hotelgeschichten erzählenden Fotografien von Maxime Ballesteros (und wer solche Spielzeithefte hat, braucht wirklich keinen Abschiedsband), gibt es diesmal kein Spielzeitmotto. Aber auf die neue, namentlich digitale Welt, erklärt Reese, solle ein besonderes Augenmerk gerichtet werden.

„Junger Stoff für junge Leute“, sagt er, auch wenn ulkigerweise dann zuerst „Schöne neue Welt“ nach Aldous Huxley (Regie: Jorinde Dröse) genannt wird, und als zweites „Clockwork Orange“ nach Anthony Burgess (Regie: Christopher Rüping, beides im Bockenheimer Depot). Reese verspricht sich aber auch viel von Jennifer Haleys „Die Netzwelt“, ein „well-made play“, erfährt man, über moderne Technik, aber nicht unbedingt mit moderner Technik.

Insgesamt sollen in den Kammerspielen außer dem Büchner-Stück ausschließlich Zeitgenossen gespielt werden. In der Box tummeln sich neben dem Jungen Schauspiel die Regie-, Autoren-, und Schauspielstudios, die auch zum Lieferanten für das Ensemble und die Regie geworden sind. Alle Teilnehmer des ersten Regie-Studios aus der vergangenen Saison trifft man 2015/16 als Regisseure in den Kammerspielen wieder.

Sascha Nathan ist Franz Biberkopf

Und was passiert zuerst? Stephanie Mohr und die Musikcombo The Tiger Lillies bringen am 17. September „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ ins Schauspielhaus (mit Sascha Nathan als Franz B.). Der Text ist von „Berlin Alexanderplatz“-Autor Alfred Döblin selbst, für ein Radiohörspiel geschrieben.

Zwei Tage später wird der bildende Künstler Hans Op de Beeck in den Kammerspielen sein „Gesamtkunstwerk“ (so Reese) „Die Leere nach dem Fest“ zeigen. Er habe Arbeiten von de Beeck in Hannover gesehen, sei daraufhin nach Brüssel gereist und habe ihn gefragt, ob er nicht einmal einen kompletten Theaterabend gestalten wolle. Einen Antrag, wie er ihn noch nie gemacht habe, so Reese. Ein Antrag, wie er ihn noch nie bekommen habe, so de Beeck laut Reese.

Vierzehn Tage später zeigt Reese sein eigenes Doppelprojekt aus Kleists „Zerbrochenem Krug“ an einem und Ferdinand von Schirachs erstem Theatertext, „Terror“, am nächsten Abend.

Das Frankfurter Theater will nicht vorbeilaufen am Frankfurter Publikum. Interessant finde er an der gegenwärtigen hitzigen Theaterdebatte, meint Reese, dass fast nur von Intendanten die Rede sei, aber gar nicht von Zuschauern.

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