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„Ich finde es wichtig, dem Eindruck entgegenzuwirken, ich würde alles alleine machen.“

Schauspielchef Anselm Weber

Ärger am Schauspiel Frankfurt - nun reagiert Anselm Weber 

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    Judith v. Sternburg
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Der Frankfurter Schauspielchef Anselm Weber spricht mit der FR und sagt: Es gibt keinen Skandal an den Frankfurter Bühnen.

Herr Weber, als wir uns zum Auftakt Ihrer Intendanz zum ersten Mal trafen, saß an Ihrer Seite noch die Chefdramaturgin Marion Tiedtke. Jetzt sind Sie alleine gekommen. Was ist geschehen?
Frau Tiedtke ist verbeamtete Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Als wir uns verabredet haben, gemeinsam am Schauspiel Frankfurt zu arbeiten, war immer klar, dass sie sich befristet freistellen lässt. Sie hat deshalb einen Drei-Jahres-Vertrag am Schauspiel unterschrieben. Den wird sie erfüllen.

Gab es denn ein inhaltliches Zerwürfnis?
Zu so einer persönlichen Frage möchte ich nichts sagen.

Aber es ist doch ungewöhnlich, dass wir nicht mit Frau Tiedtke sprechen können.
Es gibt keinen Skandal. Frau Tiedtke und ich haben gemeinsam unsere Arbeit in Frankfurt vorbereitet. Wir haben gemeinsam das wunderbare Ensemble zusammengestellt. Alle drei Spielzeiten, so wie sie jetzt veröffentlicht sind, sind gemeinsam geplant. Danach kommt ein neuer Schritt.

Wird Sie Ihnen fehlen?
Ich habe immer gesagt, dass wir sehr gut zusammengearbeitet haben.

Es wird behauptet, in Ihrem Team sei sie der kreative Kopf gewesen.
Diejenigen, die das behaupten, wissen nicht, wie wir arbeiten. Ich habe in den 14 Jahren, in denen ich jetzt diesen Beruf ausübe, mit allen Dramaturgen, die ich engagiert habe, eng zusammengearbeitet. Deshalb ist die behauptete Trennung von kreativem Kopf und nicht kreativem Kopf einfach falsch. Ich bin sehr stark involviert in den kreativen Prozess. Tatsächlich finde ich es wichtig, dem Eindruck entgegenzuwirken, ich würde alles alleine machen. Wer unsere Pressekonferenzen kennt, der sieht sehr deutlich, dass ich mich sehr kurz halte, dann zurückziehe und wirklich das Kollektiv inhaltlich das darstellen lasse, was gemeinsam entwickelt worden ist.

„Sehr emotional geführt und zum Teil an den Sachverhalten vorbei„

Die Rolle des Intendanten überhaupt ist ja ein sehr stark diskutiertes Thema. Wie gehen Sie damit um? Die Macht des Intendanten, was ist das für Sie?
Die Diskussion wird sehr emotional geführt und zum Teil an den Sachverhalten vorbei. Ich habe am Schauspiel Frankfurt früher mit einer Intendantin zusammengearbeitet ...

... Elisabeth Schweeger ...
...das Besondere in meinem Fall ist meine Doppelfunktion als Geschäftsführer und Intendant. Ich bin in ganz besonderer Weise verantwortlich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Hauses. Ich habe nicht nur den Blick auf das Ensemble und den Spielplan. Sondern ich muss das gesamte Drumherum bedenken. Und zwar nicht nur finanziell, sondern, was die Menschen betrifft. Mein großes Interesse war in meinen ersten eineinhalb Jahren als Intendant, die Arbeitsatmosphäre an diesem Hause wesentlich zu verbessern. Das ist gelungen. Fragen Sie in den technischen Abteilungen nach.

Was lag denn vorher im Argen?
Ich bemühe mich darum, die Leistungsfähigkeit der Kolleginnen und Kollegen nicht überzustrapazieren. Ich schaue sehr genau, wie man den Druck rausnehmen kann. Im ersten Jahr haben wir viele Überstunden abgebaut. Der Umgang untereinander ist besser geworden. Mein Büro ist ein offenes Büro. Jeder kann kommen. Das nehme ich sehr, sehr ernst. Deshalb habe ich mich in meinem Gespräch mit der FR über die Finanzsituation und die Probleme des maroden Gebäudes bewusst vor die Kolleginnen und Kollegen gestellt. Es geht um die Zukunft von 1200 Mitarbeitern.

„Die Aussage, ich hätte das Stück abgesetzt, ist sachlich falsch“

Der wirtschaftliche Erfolg ist das eine, da stehen sie mit einer Auslastung von 91 Prozent sehr gut da. Das andere ist das künstlerische Profil. Da wird zum Beispiel die Frage aufgeworfen, warum die sehr erfolgreiche Inszenierung „Die Perser“ von Ulrich Rasche nicht weitergeführt wird.
Ich finde es schade, dass da nicht genauer nachgefragt wurde. Da wird sehr viel behauptet, was sachlich einfach falsch ist. Wir haben E-Mails, die belegen, dass ich mich eindringlich darum bemüht habe, diese Produktion zu halten. Und die Vorstellung in der kommenden Spielzeit wieder aufzunehmen. Das ist uns nicht gelungen, weil keine gemeinsamen freien Termine bei den Kolleginnen und Kollegen zu finden waren. (Weber verteilt Schriftstücke). Die Aussage, ich hätte das Stück abgesetzt, ist sachlich falsch.

Wir fragen ja jetzt nach.
Zu Ulrich Rasche ist Folgendes zu sagen: Ulrich Rasche ist ein Mensch, der zwei Gesichter hat. Wenn er etwas will, kann er sehr charmant sein. Wenn er es nicht bekommt, schlägt er um sich. Diese destruktive Energie wendet sich wahlweise gegen die eigenen Mitarbeiter im Team oder gegen das Haus. Er kann Menschen sehr schlecht behandeln. Das ist in der Szene bekannt. Wenn ein Regisseur wie er keinerlei Verständnis für Repertoiretheater zeigt und Kollegen öffentlich bloßstellt, von der Technischen Leitung bis zum Bühnenarbeiter, dann hat das Folgen. Es führte dazu, dass die Frankfurter Premiere fast nicht stattgefunden hätte. Ich habe mich dann vor die Technik gestellt. Der Mensch Rasche hat sich aufgrund seines Erfolges zu einem Machtmenschen entwickelt, der seine Macht missbraucht. Ich habe dann gesagt, dass ich mit Rasche nicht mehr arbeiten werde. Wir haben als Konsequenz einen schriftlichen Kodex gegen sexuellen Missbrauch und Machtmissbrauch für die Städtischen Bühnen entwickelt. Das habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Bernd Loebe von der Oper getan.

Um es klarzustellen: Um sexuellen Missbrauch geht es im Fall Rasche aber nicht?
Nein. Ein Kollege aus dem Ensemble hat einen Text geschrieben über seine Erfahrungen mit Ulrich Rasche in dieser Produktion, den stelle ich Ihnen auch zur Verfügung.

„Ich mache das nicht aus dem Wunsch nach Macht“

Das Tischtuch mit Ulrich Rasche ist also zerschnitten.
Ich hätte mir gewünscht, dass sowohl im Falle von Frau Tiedtke als auch im Falle der „Perser“ einfach mal nachgefragt worden wäre. Alle Regisseurinnen und Regisseure außer Ulrich Rasche haben mit diesem Ensemble begeistert zusammengearbeitet.

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Sie haben vorhin von einem Machtmenschen gesprochen. Sie selbst sind kein Machtmensch, Sie sind ein anderes Naturell.
Ich habe lange gebraucht, mich zu entscheiden, diesen Beruf zu ergreifen. Ich habe mir das sehr genau überlegt. Ich mache das nicht aus dem Wunsch nach Macht. Gehen Sie in die Kantine, in die Abteilungen, gehen Sie ins Vorderhaus, zum Pförtner, und fragen Sie nach dem Intendanten.

Sie führen ja auch häufig Regie neben Ihrer Verantwortung als Intendant und Geschäftsführer.
Ich empfinde das im Moment nicht so. Eher das Gegenteil. Nächstes Jahr inszeniere ich eine Oper, Lady Macbeth von Schostakowitsch. Das habe ich mit Bernd Loebe besprochen, als ich noch gar nicht als Intendant in Frankfurt vorgeschlagen war. Im Moment ist meine Gesamtverantwortung für den Betrieb Städtische Bühnen der Schwerpunkt meiner Arbeit. Ich will Menschen zusammenführen. Wir haben eröffnet mit einem „Richard“. Wir haben jetzt gerade beendet mit „Peer Gynt“. Zwei Aufführungen, die auf orginärste Art und Weise beschreiben, was Theater ist und was Theater sein kann. Wir hatten eine der größten Produktionen, die dieses Haus je gestemmt hat, eben die „Perser“. Dazwischen haben wir gemeinsam mit dem Mousonturm mit Forced Entertainment und Rimini Protokoll zwei Highlights der freien Szene nach Frankfurt geholt. In dieser Spielzeit haben wir mit den Aufführungen „räuber.schuldenreich“, „Mut und Gnade“ und „Warten auf Godot“ Feste der Schauspielkunst gefeiert. Sie sehen einen Intendanten vor sich, der künstlerisch zutiefst zufrieden ist.

Die Schwerpunktverschiebung in Ihrer Arbeit, die Sie beschrieben haben, könnte in Zukunft noch zunehmen, je mehr die politische Entscheidung über die Zukunft des maroden Bühnengebäudes auf sich warten lässt.
Ja, das kann sich tatsächlich noch stark verschieben. Da gibt seitens der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein hohes Vertrauen in mich, dass ich in ihrem Sinne verhandele.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Judith von Sternburg

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Zur Person

Anselm Weber, 1963 in München geboren, hat zunächst Fotografie, dann Germanistik, Philosophie und Anglistik studiert. Er begann Mitte der achtziger Jahre als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, es folgten Regiearbeiten in Bonn und am Deutschen Theater Berlin. In Frankfurt war er von 1991 bis 1993 Oberspielleiter unter Peter Eschberg, auch nach 2001 waren Inszenierungen von Weber am hiesigen Schauspiel zu sehen, nun unter Intendantin Elisabeth Schweeger. Seit 1999 inszeniert Weber auch Opern. Für die kommende Spielzeit ist er nebenan im Opernhaus als Regisseur der „Lady Macbeth von Mzensk“ angekündigt – eine Verabredung, die älter ist als seine Frankfurter Intendanz, wie Weber sagt.

Als Intendant begann Weber in Essen, wo er 2005 bis 2010 das Schauspiel leitete. Von 2010 bis 2017 war er in gleicher Funktion in Bochum tätig, bevor er zur Spielzeit 2017/18 als Nachfolger von Oliver Reese ans Schauspiel Frankfurt kam. Regie führte er hier zuletzt in Lutz Hübners „Furor“ und der zweiten Runde der Monolog-Reihe „Stimmen einer Stadt“.

„Die Perser“: Ein Schauspieler erzählt

Anselm Weber hat sich auf den Termin vorbereitet. Er hat E-Mails ausgedruckt, die zumindest belegen, dass er sich intensiv um Terminabsprachen für eine Fortsetzung von Ulrich Rasches Aischylos-Inszenierung von „Die Perser“ bemüht hat. Auch hat er einen Text mitgebracht, den einer der beteiligten Schauspieler verfasst hat. Der Bericht des Schauspielers ist eine Reaktion auf einen FAZ-Artikel, in dem vor ein paar Tagen das Verschwinden der Produktion vom Spielplan vehement beklagt und dem Intendanten zum Vorwurf gemacht wurde. Die Erklärung Webers, es seien keine gemeinsamen Termine für die Besetzung gefunden worden, wischt Rasche laut FAZ mit den Worten weg, er habe mit so vielen Gästen arbeiten müssen, „weil er in Webers Ensemble keine passenden Darstellerinnen und Darsteller gefunden habe“.

Der Schauspieler, dessen Name der Redaktion bekannt ist, schreibt nun, dass für interne Castings bei Rasche im Januar 2018 (ein für ihn, so der Schauspieler, ohnedies „äußerst befremdlicher Vorgang“) ausschließlich Männer eingeladen worden seien. Die „drei stark dominierenden Protagonistinnen“ seien demnach offenbar „längst vorab besetzt gewesen“ und diese Rollen „höchstwahrscheinlich zu keinem Zeitpunkt vakant für Frauen aus dem Frankfurter Ensemble“. Bei den Proben sei es so stark um „technische Vorgänge“ gegangen, dass ihm nicht klar sei, was Rasche mit „qualitativen Problemen des Ensembles“ meine. „Der große Teil der Arbeit ist meines Erachtens reines Training, auch wortwörtlich zu verstehen: man muss sich eine körperliche Fitness aneignen ...“. Eine inhaltliche Auseinandersetzung habe es nicht gegeben, vielmehr habe Rasche „auf jegliche inhaltliche Fragen zumeist sehr nervös reagiert“. Vom ersten Tag an sei „eine Front gegen das Haus“ (das Schauspiel Frankfurt) aufgebaut worden, „man fühlte sich als Stammschauspieler absurderweise wie ein Außenseiter in seinem eigenen Betrieb. Es wurde ständig in unserer Anwesenheit gegen das Haus und die Leitung gewettert und Stimmung gemacht, man würde beispielsweise hier Kunst verhindern.“ Er selbst, so der Schauspieler, habe sich „durch viel Überzeugungsarbeit unseres Hauses doch noch davon abhalten lassen, fünf Tage vor der Premiere in Salzburg aus der Produktion auszusteigen. (...) Letztlich habe ich es nur aus Loyalität zum Schauspiel Frankfurt nicht getan.“ Das ist insofern interessant, als der FAZ-Artikel fragt: „Ist Frankfurt ein weiteres Negativbeispiel für die jetzt überall angeklagte ,Machtstruktur‘ an deutschen Theatern?“ Der Schauspieler schreibt hingegen: „Man kann also ganz grundsätzlich sagen, dass der Betrieb Schauspiel Frankfurt nicht respektiert wurde.“

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